Michaela Hanel
Psychologin
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MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.
[Derzeit ist der Blog in Sommerpause]

Wie Vorbilder uns beeinflussen können

Von "Blauaugen", Bonbons und Bond-Darstellern

Menschen lernen durch Imitation: Wir beobachten etwas und machen es nach. So eignen wir es uns an. Vorbilder können motivieren und unseren Horizont erweitern. Toni Morrison zeigt in Sehr blaue Augen, was passiert, wenn sie fehlen.

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Kinder sind sowas wie Profi-Nachahmer: Sie imitieren Erwachsene – selbst dann, wenn ihr Tun keinen Sinn ergibt. Das zeigte eine Studie, die Menschenkindern und jungen Affen eine Holzkiste mit Löchern und Schubladen zeigte. Kinder wie Affen beobachteten, wie jemand einen Stock durch die Löcher schob, an der Schublade zog und darin Bonbons fand. Kinder und Affen machten es nach. Dann der gleiche Versuch, mit einer Plexiglaskiste. Jetzt konnte man von Beginn an sehen, dass die Bonbons in der Schublade sind. Der Wissenschaftler wiederholten alles in derselben Reihenfolge. Und die Kinder machten es nach. Das gesamte unnütze Prozedere – während der Affennachwuchs einfach die Bonbons holte.

Die Kinder sind dabei nicht "dümmer": Auch sie verstehen, dass es leichter ginge. Doch das Nachahmen hilft, uns zu integrieren und ist einer der Hauptprozesse, wie Menschen sich Verhalten aneignen. Die Muttersprache plappern wir nach – ohne darüber nachzudenken, wie die Grammatik funktioniert. Verstehen, hinterfragen? Nicht nötig. Dass wir auch als Erwachsene (unbewusst) imitieren, selbst was die erlernte Sprache betrifft, sieht man, wenn man in ein anderes Bundesland zieht. Oft schleicht sich der dortigen Dialekt irgendwann ins eigene Sprechen ein. Auch das Nachahmen früher Bezugspersonen bleibt meist das ganze Leben bestehen. Spätestens ab dem Teenageralter suchen viele sich Vorbilder auch bewusst. Meistens die, die man aus den Medien kennt. Damit sich jemand zum Vorbild eignet, muss er oder sie uns in wichtigen Bereichen ähneln.

Lauter kleine Shirley Temples
Andere Faktoren wie Attraktivität, Macht, Extraversion und Erfolg erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person zum Vorbild genommen wird. Dass sie irgendwas besitzt oder kann, das wir auch gerne hätten oder könnten. Ohne Ähnlichkeit aber nützt all das nichts. Hier beginnt das Problem für Pecola Breedlove, die Protagonistin aus Toni Morrisons Roman Sehr blaue Augen.

Shirley Temple

Pecola wächst in den 1930er- und 1940er-Jahren als farbiges Mädchen in den USA auf. Ihr Viertel ist afro-amerikanisch geprägt. Die Menschen, die sie auf der Straße sieht, ihre Familie und die Prostituierten, die über Pecolas Familie wohnen: Sie alle haben krauses Haar, braune Augen, dunkle Haut. In ihren Schulbüchern aber, in Kinofilmen, auf Plakatwänden und generell in der Werbung sieht Pecola ausschließlich weiße Menschen. Amerika liebt Shirley Temple (Greta Garbo, Ginger Rogers) und alle Babypuppen, die Pecola kennt, sehen aus wie sie. Selbst das Mädchen auf der Bonbonverpackung scheint deren Abbild zu sein:

 
Auf jedem hellgelben Einwickelpapier ist ein Bildchen. Ein Bildchen von der kleinen Mary Jane, nach der die Bonbons benannt sind. Lächelndes weißes Gesicht. Blondhaar in sanfter Unordnung, Blauaugen, die sie aus einer Welt sauberen Komforts ansehen. (...) Für Pecola sind sie einfach hübsch.
— S. 61/62
 

Der Wunsch nach blauen Augen
Die Farbigen, die Pecola kennt, sind arm und leben am Rand der Gesellschaft. Wenn Pecola die "Mary Jane"-Bonbons isst, stellt sie sich vor, wie jenes Mädchen zu werden, das ihr vom Papier entgegenlächelt. Sie denkt, dass alle ihre Sorgen (und davon hat Pecola reichlich) sich plötzlich in Luft auflösen würden, wenn sie ein bisschen mehr Shirley wäre. Mehr Mary Jane. "Irgend so ein Mädchen". Pecola betet jeden Abend – und bittet um blaue Augen. 

Bei Pecolas Freundin Claudia, die ebenso dunkelhäutig ist, ist Enttäuschung in Aggression umgeschlagen. Die Lehrer, die Eltern, die Kioskverkäufer, sie alle lassen Claudia spüren, wie anders sie ist als die weißen Mädchen, die mehr Schutz, mehr Liebe, mehr Zuneigung  kriegen. Shirley Temple kann nicht ihr Vorbild sein, weil sie ihr zu wenig ähnlich ist. Aber wer, bitteschön, denn dann...?! Aus Mangel an echten Alternativen, bleiben ihr die Wut und der Neid. Und ihre weißen Babypuppen, die sie in makabre Einzelteile zerlegt: 

 
Das wahrhaft Entsetzliche war die Übertragung dieses Impulses auf kleine weiße Mädchen. Die Gleichgültigkeit, mit der ich sie hätte zerhacken können, wurde nur durch meinen Wunsch, es zu tun, erschüttert. Herausfinden, was mir entging: das Geheimnis des Zaubers, den sie auf andere ausübten. Was bewog die Leute, sie anzusehen und “Ahhh!” zu sagen, aber nicht zu mir?
— S. 31/32
 
 

Wie ähnlich muss mir mein Vorbild sein?


In der Zeit, in der Pecola und Claudia aufwachsen, ist im Alltag noch vieles nach Rassen getrennt, gibt es eigene Busticketschalter und Sitzplätze für Schwarze. Bis die Medien Dunkelhäutige zeigen, die Jugendlichen zum Vorbild taugen (von Sportlerinnen bis Präsidenten), muss noch einige Zeit vergehen. Pecola und Claudia haben niemanden, der ihnen zeigt, dass sie mehr erreichen können. Dass ihre Haut weder hässlich noch Hindernis ist. Dass es sich lohnen kann, zu kämpfen.

Natürlich muss ein Vorbild nicht per se die eigenen Hautfarbe haben. Nicht die gleiche Nationalität, nicht das gleiche Geschlecht. Aber dann muss klar sein, dass ebendiese Faktoren keine entscheidende Rolle spielen. Eine Studie (2006) erforschte die Bedeutung des Geschlechts in diesem Zusammenhang. Man lud männliche und weibliche Studierende unter dem Vorwand ein, es gehe um die Beurteilung journalistischer Stile. Dazu sollten sie einen (erfundenen) Zeitungsartikel über einen Absolventen ihrer Uni lesen, der etwas Herausragendes geschafft habe und dafür prämiert worden sei. Die Texte waren angepasst an das jeweilige Fachgebiet der Teilnehmenden. Doch während die Hälfte einen Text über eine "Jennifer Walker" las, las die andere Hälfte von "Jeffrey Walker". Für die Frauen machte das einen Unterschied: Lasen sie über die weibliche Absolventin, konnten sie sich besser mit ihr identifizieren und schätzten deren Leistung auch für sich selbst als erreichbar ein. Deutlich mehr, als wenn sie von "Jeffrey" lasen.

If we can see it, we can be it
Obwohl die Eigenschaften die gleichen waren, eignete sich eine "Jennifer" für die Frauen offenbar besser zum Identifikationsobjekt und als Vorbild. 
Die Tochter einer Kollegin wollte neulich wissen, ob theoretisch auch ein Mann Bundeskanzlerin werden könne? Abgesehen davon, dass das ziemlich lustig ist, zeigt es auch, dass schon Kinder in diesen Kategorien denken. Und weil die Achtjährige noch keinen Bundeskanzler gesehen hatte, war sie eben nicht sicher, ob das überhaupt geht.  Öfter wird es wohl andersrum sein: Kann ich als Mädchen XY werden? "If she can see it, she can be it" ist daher das Motto des von Geena Davis ins Leben gerufene Institute on Gender in Media für mehr Diversität in Frauenrollen.

 
Meine Mutter hat mir von einem [dunkelhäutigen] Mädchen namens Audrey erzählt, die ging immer zu dem Frisör, wo wir früher wohnten, und sie sagte dem Fräulein, sie soll ihr dieselbe Frisur machen wie Hedy Lamarr, und das Fräulein sagte: “Ja, wenn Sie sich ebensolche Haare anschaffen wie Hedy Lamarr.”
— S. 80
 

Da die Orientierung an Anderen ein grundlegendes menschliches Verhaltensmuster ist, das bewusst, aber auch unbewusst abläuft, ist der Einfluss von Vorbildern immens. Im Bestfall inspirieren sie, motivieren uns und zeigen auf, welche Möglichkeiten es gibt. Wenn viele Psychologinnen angepasst sind, zwischen Prüfungs- und Vesagensangst pendeln, am Wochenende weiterarbeiten, mit Fieber in die Arbeit kommen, um Anderen "Selbstfürsorge" zu lehren, Erfolg in guten Noten bemessen und zwischen Sicherheit und Abenteuer in zehn von zehn Fällen Ersteres wählen, dann hilft die Person vor dem inneren Auge, die es anders macht, und das gut. Vorbilder weiten den Horizont. Aber sie können auch schaden.

Die Schattenseiten des Nachahmungstriebs
Dann nämlich, wenn sie zu etwas verleiten, das man besser bleiben ließe. Im harmloseren Fall jubeln sie uns etwas unter. Werbeleute haben längst das Influencer-Marketing entdeckt, das auf diesem Prinzip basiert. Sie nutzen die Beliebtheit von Internetstars und statten sie mit Produkten aus. Dann lässt man sie sich damit fotografieren - und die Followerschaft kauft ein. "Ich will sein wie du, deshalb kauf ich das, was du kaufst / wähle ich, was du wählst" – das Prinzip der sozialen Bewährtheit. Dass das gut funktioniert, wissen Werbefachleute. Oder der türkische  Fernsehsender, der auf Fotos von Teenie-Idol Selena Gomez deren Kette mit Kreuz-Anhänger wegretuschierte. (Oder ein gewisser Präsident, der sich für seine Wähler hierzulande mit deren Fußballidolen zeigt.)  Aber Vorbilder können sogar zu Suiziden verleiten. Was erstmals nach Goethes Werther beobachtet wurde, ist heute für die mediale Darstellung jeglicher Suizide bekannt: Sie führt zu Nachahmung. Vor allem unter Menschen, die der betroffenen Person ähnlich sind. Aktuell ist die Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht diesbezüglich in der Kritik

Für Pecola und Claudia in Tonis Morrisons Roman trägt die mediale Präsenz weißer Idole und das damit verbundene einseitige Schönheitsideal zum Umkehrschluss der Mädchen bei: Wenn die also schön sind, sind wir es nicht.

 
Man sah sie an und fragte sich, wieso sie so hässlich seien; man sah sie näher an und fand nicht, woran es eigentlich lag. Dann merkte man, dass die Überzeugung daran schuld war, ihre Überzeugung. Es war so, als hätte ein geheimnisvoller, allwissender Meister jedem von ihnen einen Mantel von Hässlichkeit umgehängt und jeder von ihnen hätte ihn fraglos angenommen. Der Meister hatte gesagt: “Ihr seid hässliche Menschen.” Sie hatten sich umgesehen und nichts entdeckt, was dagegen gesprochen hätte; sie fanden es sogar an jeder Plakatwand, in jedem Film, in jedem Blick bestätigt. “Ja”, hatten sie gesagt. “Du hast recht.”
— S. 48/49
 

Und in diesem Glauben gehen sie durch die Welt...
Dreißig Jahre nach der Zeit, in der Sehr blaue Augen spielt, kam die "Black is beautiful"-Bewegung auf. Heute gibt es eine Reihe dunkelhäutiger Models. Fast könnte man meinen: dunkelhäutige Idole in allen medialen Sparten. Als Idris Elba aber 2015 von der Netzgemeinde als neuer James-Bond-Darsteller vorgeschlagen wurde, ließ Bond-Autor Anthony Horowitz wissen, Elba sei dafür dann doch "zu Straße". (Worauf sich das bezog, ist freilich Spekulation und später war alles anders gemeint.) Inzwischen sind drei weitere Jahre vergangen und die Produzenten ließen kürzlich verlauten, man könne  sich Elba als Bond vorstellen. Oder auch eine Frau. Oder auch...? Man darf also gespannt sein.


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Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Sehr blaue Augen von Toni Morrison

Taschenbuch:
240 Seiten

Verlag:
Rowohlt Taschenbuch Verlag; Auflage: 20 (1979)

ISBN-10: 3499228548

ISBN-13: 978-3499228544

Originaltitel:
The Bluest Eyes


 
 
Michaela Hanel