Michaela Hanel
Psychologin
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MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.

Wie das Internet unser Denken verändert

Von Wannen-Selfies, Voyeurismus und virtueller Wirklichkeit

Olivia Sudjic schildert in ihrem ersten Roman das Leben und Lieben in einer vernetzen Welt. Sie illustriert, was neuere Studien zeigen: Die Aktivität im Internet krempelt das Gespür für Privatheit um. Und hat Folgen für unser Moralempfinden.

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In Sympathie entdeckt die 23-jährige Alice online eine junge Schriftstellerin namens Mizuko. In deren Lebenslauf tauchen merkwürdige Parallelen zu ihrem eigenen auf. Alice „folgt“ Mizuko auf verschiedenen Kanälen. Sie scheint an Mizukos Leben teilzuhaben und entwickelt eine wahre Obsession.

 
Man musste nur ihren Namen eingeben, und schon hatte man eine Zusammenfassung ihres Lebens vor sich, ein ordentliches Raster ihrer Fotos, mit ihren Gedanken und Gefühlen versehen, mit Ortsmarkierung und Zeitangabe.
— S.7
 

Als Alice und Mizuko sich schließlich in der analogen Welt begegnen, weiß Alice bereits sehr viel von ihr. Und ist umgekehrt für Mizuko eine Fremde.
Auch wenn nicht jeder im Netz derart freigiebig ist, sind die meisten von uns heute „googlebar“. Wir sind auf Xing oder andere Business-Plattformen, auf Facebook, Instagram oder Tinder. Dass wir insbesondere auf Facebook die öffentliche Einsehbarkeit unseres Tuns nicht immer im Auge behalten, führt unter anderem Jan Böhmermann vor – und die Betroffenen gleich mit. Doch für den Hang, online mehr von sich preiszugeben, gibt es psychogische Gründe.

Warum sind Öffentlichkeit und Privatsphäre im Netz so schwer zu unterscheiden?
In Cyberpsychologie (2016) schreibt Catarina Katzer wie sich unsere Beurteilung von öffentlichem oder privatem Raum ändert, wenn wir online gehen. Weil wir im analogen Leben ein ganz natürliches Bedürfnis nach Privatsphäre und Sicherheit haben, achten wir mehr auf unser Verhalten, sobald wir unser Zuhause verlassen. Wir orientieren unser Verhalten an den gesellschaftlichen Regeln, die für die jeweiligen Situationen an nicht-privaten Orten gelten.

Allerdings: Wenn wir nicht körperlich anwesend sind, ändert sich diese Einschätzung. Der virtuelle Raum ist kein physisches Umfeld. Deshalb spüren wir auch nicht, dass wir in Wahrheit mit unzähligen Personen interagieren – und nicht nur mit ein paar Kumpels. Durch die fehlende physische Sichtbarkeit dieses immensen Publikums fühlen wir uns unbeachtet, sicher, geschützt. Das Schamgefühl schwindet, Hemmungen werden abgelegt. Catzer zitiert die Wissenschaftlerin Susan Barnes und ihr „Privacy Paradoxon“: Wenn man etwas vom Sofa aus postet, fühlt es sich an, als würde man von seinem privaten Kokon aus handeln – und deshalb verhält man sich entsprechend. Wir öffnen uns eher als im realen Alltag, fühlen uns schneller privat und machen uns dabei nicht klar, dass der Ort, an dem wir sind, von Millionen anderen einsehbar ist.

 
Stattdessen wandte ich mich Mizuko zu, die ihren Abend in der Wanne verbrachte. Die Fotos zeigten ihre Lektüre (Joan Didion), ihre Duftkerze (Diptyque), ihre blassrosa Fußnägel auf den goldenen Armaturen am Wannenende. Und schließlich ein Selfie mit zwei rosa Blumenemojis über den Brüsten, wo der Schaum nicht dicht genug war.
— S.292
 

Zudem kommunizieren wir zeitgleich mit verschiedensten Gesprächspartnern, die sich im Grad der Nähe zu uns teils massiv unterscheiden. Freunde, die Schwester, der Arbeitskollege, aber auch die „Freunde von Freunden“ – also eigentlich Fremde. Da dies eine für uns ungewohnte und eigentlich unnatürliche Situation ist, versagt die räumliche Vorstellung davon. Wie seltsam das im realen Leben wäre, zeigt dieses Extra3-Video:

 
 
 

Online werden wir zu Voyeuren


Neugier war evolutionsbiologisch wichtig. Sie ist soetwas wie ein Grundbedürfnis. Früher zogen Gladiatorenspiele und Hexenverbrennungen beachtliche Mengen an Zuschauern an. Doch heute geht Gaffen ganz unbemerkt. Mit einem Klick sind wir dabei, wenn Hochwasser ganze Regionen zerstört und Menschen aus ihren Häusern treibt, wenn das World-Trade-Center einstürzt und ISIS-Kämpfer Journalisten hinrichten – alles öffentlich, zugänglich, displaybereit. Catzer spricht von einem “weltweiten virtuellen Gemeinschaftserleben” aktueller Ereignisse. Alice und Mizuko fasziniert vor allem der Tsunami, der 2011 über Japan hereinbrach:

 
In ihrer Wohnung holte sie zwei Bier aus dem Kühlschrank und winkte mich zu ihrem Laptop. Sie wollte mir die GoPro-Aufnahmen und andere Sachen zeigen. (…) Genau wie ich war Mizuko süchtig nach Amateuraufnahmen der Welle. Die Videos, die um die Welt gingen, während die Japaner von allem abgeschnitten waren und im Gegensatz zum Rest der Welt keine Ahnung hatten, was ihnen zugestoßen war.
— S. 268
 

Als das Video zu Ende ist, sagt Mizuko: “Krass, oder?” Und dass sie Alice die Datei gerne schicken könne.
Ob Autounfälle oder Hinrichtungen, die immensen Klickzahlen beweisen: Andere haben das auch angeschaut. Dann wird es doch wohl “in Ordnung” sein? Im Netz ist beäugen akzeptiert. Und diese Internet-Moral scheint ins Reallife überzuschwappen. So gibt es in Nordrhein-Westfalen seit 2015 Abschirmwände bei Verkehrsunfällen. Begründung: Die Gaffer werden immer mehr.

Haben wir im Netz eine andere Moral?
In der Anonymität verhalten wir uns oftmals anders – siehe Karneval hinter Masken. Das erklärt, warum viele kein Problem damit haben, online illegal downzuloaden, auch wenn vermutlich nur ein Bruchteil jener in realen Geschäften stehlen würde. Leider lässt sich das auch auf andere Formen der Kriminalität übertragen, wie Cyberstalking, -mobbing, Kinderpornos, Betrug. Hinzu kommt, neben der Anonymität, dass auch virtuelle Gruppen für De-Individuation sorgen: Durch unerkannte Gemeinschaftlichkeit geht die (gefühlte) eigene Verantwortung verloren.

Diese spezielle “Netz-Moral” führt uns wieder zurück zu der Frage vom Anfang, warum man im Internet mehr von sich zeigt. Denn auch Selbstöffnung gehört zur Internet-Kultur. Wenn alle es tun, dann tu ich es auch - eine neue soziale Norm ist geboren. Und mitunter verfolgt sie auch einen Zweck. Offenheit schafft mehr Publikum, Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad steigen. Zudem wollen wir beeinflussen können, in welchem Licht wir gesehen werden – und dafür bietet das Netz neue Möglichkeiten:

 
Die Welt sollte wissen, dass ich hier war und dass ich mich verändert hatte. Dass sich mein Selbst jetzt aus verschiedenen Teilen New Yorks zusammensetzte. Mein Blick konzentrierte sich auf eine Stadt aus kleinen Quadraten, die ich mir einwarf wie Vitamintabletten.
— S.63
 

Das Medium bewusstmachen
Vielleicht helfen uns Metaphern dabei, sich die Öffentlichkeit bewusst zu machen. Das versucht Alice auch ihrer Mutter beizubringen. Die solle sich vorstellen, sie ginge eine Straße entlang, wenn sie einen Browser verwendet: Jeder könne sie sehen. Alice sagt, ihre Mutter brauche Metaphern, die im echten Leben verankert sind.

 
Ähm. Es ist öffentlich. Und wenn man so eins hier benutzt...” Ich hielt ihr mein Smartphone hin, worauf sie zurückzuckte. “Die Raute. (...) Dann verbindet es dich mit allen anderen, die es für einen Post benutzt haben, und man kann sich durch die ... die entsprechende Thematik scrollen.”
”Wer ist ,man’? Fremde?”
”Ja, schon.
— S.123
 

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Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Sympathie von Olivia Sudjic

Gebundene Ausgabe:
496 Seiten

Verlag:
Kein & Aber (29. März 2017)

ISBN-10:
303695757X

ISBN-13:
978-3036957579

Originaltitel:
Sympathy


 
 
Michaela Hanel