Michaela Hanel
Psychologin
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MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.
[Derzeit ist der Blog in Sommerpause]

Warum „Was wäre, wenn…?“ uns voranbringen kann

Von wichtigen Entscheidungen, Weggabelungen und Weichen im Leben

Wegziehen oder wohnen bleiben? Den Job behalten oder Neues wagen? Sich trennen oder die Partnerschaft retten? Und will ich eigentlich Kinder? Bei manchen Entscheidungen geht es um viel. Sie kosten Mut – der oftmals fehlt. Eine Frage hilft dabei, Gedanken zu ordnen und herauszufinden, was die bessere Wahl ist.

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MaryMarie Sundin ist in einer Extremsituation. Ihr Mann Sverker wurde beim Besuch einer minderjährigen Zwangsprostituierten aus dem Fenster gestoßen, ist vom Kopf an gelähmt und wird ein Pflegefall bleiben. Ihre Ehe ist schon lange zerrüttet, Sverker ist dazu übergegangen, seine Frau zu ignorieren, zu betrügen, zu demütigen. Und nun liegt er vor ihr, im Krankenhaus, von Maschinen und Schläuchen am Leben gehalten. Dies ist die Ausgangssituation in Majgull Axelssons Romans Die ich nie war. Und an diesem Punkt teilt sich die Handlung auf:

 
In der dritten Nacht begann ich zu träumen. Obwohl ich nicht schlief. Ich saß mit offenen Augen auf dem Besucherstuhl neben Sverkers Bett, als ich mich plötzlich selbst unter einer Straßenlaterne im Krankenhauspark stehen sah. Ich hatte den Kragen meiner Schaffelljacke hochgeschlagen und schob das Kinn in den weißen Pelz.
— S.9
 

Aus MaryMarie werden Mary und Marie, zwei Versionen eines Lebens. In der einen wird sie alles ertragen, wird bei Sverker bleiben, die Fassade pflegen und Karriere machen als Ministerin. In der anderen wird sie eine Straftat begehen, ins Gefängnis kommen und sechs Jahre sitzen – für die Freiheit danach. Als LeserIn begleiten wir beide, Marie wie Mary, auf ihren Wegen, gehen mit ihnen Schritt für Schritt durch die Folgen ihrer Entscheidung.

Ein Gedankenexperiment
Die Situation ist natürlich außergewöhnlich und die Entscheidung höchst moralisch beladen – was wäre, wenn man eine Straftat beginge? Doch ein anderer Punkt ist allgemeiner: Die Auswirkungen der Frage dahinter, der Frage danach, was wäre, wenn. Was spricht für ein Outing / die Trennung / das Quittieren des Jobs? Und was wären Gründe dagegen?

Wenn man vor wichtigen Weichen steht, vor Entscheidungen, an denen viel hängt, erstellt man häufig Pro-Contra-Listen. Das kann nützlich sein, hat aber auch Haken, um die es gleich noch gehen wird. Therapie und Coaching nutzen andere Mittel. Ein bewährtes ist das Imaginieren.

Wie wird es mir in 5 Jahren damit gehen?
Hierbei denkt und fühlt man sich nacheinander in beide Alternativen hinein. Angenommen, ich hätte mich für A entschieden: Was wären sofortige Folgen? Und wie sähe mein Leben in fünf Jahren aus? Wie fühlt sich diese Vorstellung an? Und wie in zehn Jahren? In zwanzig?
Anschließend macht man das Gleiche mit Variante B: Angenommen, ich hätte mich bereits entschieden... Das Vorgehen ist wie das Konzept von Die ich nie war. (Dass Straftaten dabei nicht zu unserem Abwägungsspektrum gehören, wurde bereits erwähnt?)

Pro-Contra-Listen nutzen primär den Verstand. Das In-die-Zukunft-Versetzen erzeugt Emotionen, die wir zusätzlich einbeziehen. Es verwendet unsere Intuition. (Und abgesehen davon: Wie wären die Punkte jeweils zu gewichten? Kann nicht ein einziger Grund für etwas schwerer wiegen als zwei oder drei, vier Gründe dagegen…?) Wichtig ist auch ein zweiter Aspekt, der der kurzfristigen versus langfristigen Folgen. Die Entscheidungen, mit denen wir ringen, haben meist direkte Konsequenzen, die uns zurückschrecken lassen.

 

Die Anziehungskraft des Gewohnten aushebeln


Denn das Outing kann erstmal für Wirbel sorgen, eine Trennung Tränen und Umzüge heißen (und diverses anderes Kraftzehrendes), der Wechsel des Jobs neue Einarbeitung und die Unsicherheit, wies woanders wird. Die Contra-Seite wird zunächst aufgeplustert. Langfristig aber kann so ein Schritt der Weg zu mehr Zufriedenheit sein. Nun ist der Mensch so programmiert, dass die sofortigen Konsequenzen die sind, die unser Handeln leiten. Sprich: Was unmittelbar zu Belastungen wie Ärger, Angst und Konflikten führt, lassen wir lieber sein.

 
Es wäre viel wahrscheinlicher gewesen, wenn das Leben ungefähr wie vorher weitergegangen wäre und ich, nach einer Zeit der Verwirrung und Verzweiflung, gefolgt von Krisentherapie und mentalem Großreinemachen, mich dazu entschieden hätte, loyal in der Ehe zu verbleiben.
— S. 19
 

Viel wichtiger sind aber meist die Folgen, die auf lange Sicht bestehen bleiben. Sich in diese hineinzuversetzen und zu erspüren: Wie geht’s mir damit?, führt zu besseren Entscheidungen. Das „Was wäre, wenn“-Experiment geht über die Anfangsgefühle hinaus und vergleicht die Zielsituation beider Wege.

Und noch etwas kann von Bedeutung sein. Entscheidungen für Veränderungen sind schwieriger und kosten mehr Mut als Entscheidungen fürs Beibehalten. Selbst wenn der Weg, den man bisher geht, Probleme bedeutet, anstatt glücklich zu machen, hat er doch diesen einen Vorteil: Wir kennen uns mit ihm aus. Man könnte es „gemütliches Elend“ nennen, es ist nicht gut – aber es ist vertraut. Denn: Wer versichert uns, dass der neue Weg besser ist?

Nicht alles ist vorhersehbar
Häufig ist es die Intuition, die uns den Wunsch nach Veränderung einbrockt. Ihr Gegenpart ist die Angst. Die lässt einen manchmal vor Türen zögern, von denen man weiß: Da sollte ich durch. Das Zaudern kostet Zeit – und Kraft. Studien zeigen: Sogar oftmals mehr Kraft als es kosten würde, den Weg tatsächlich einzuschlagen. Haben wir uns erstmal entschieden, fällt ein Großteil der Anspannung ab.

Natürlich kann man nicht alles vorhersehen. Schon kleinste Variationen der Ausgangslage können zu großen, unvorhersehbaren Folgen führen. Die Chaostheorie nennt das Schmetterlingseffekt und der inspiriert viele Romane, wie zuletzt Paul Austers 4 3 2 1 (Rowohlt, 2017). Oder Filme, etwa Lola rennt (D, 1998, Regie: Tom Tykwer) oder Sliding Doors aus demselben Jahr (US/UK, Regie: Peter Howitt). Hier teilt sich die Handlung kurz nach Beginn in zwei Stränge auf, je nachdem ob Helen die U-Bahn erwischt. Eine Nichtigkeit wie das Verpassen der U-Bahn zieht über weitere Zwischenschritte eine große Veränderung nach sich.

 
 

Wir können nur Weichen antizipieren. Solche, die man bewusst stellen kann, die eine ganz bestimmte Türe öffnen und andere damit geschlossen halten. Um diese Weichen geht es hier, um Entscheidungen wie in die Ferne zu ziehen, die Trennung, das Outing, die Selbstständigkeit. Wenn man so will: die Dominosteine, die wir selber anstupsen können. Und wie gut, dass sich nicht alles planen lässt. Dass schon das Verpassen einer dämlichen U-Bahn alles von Grund auf ändern kann …


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Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Die ich nie war von Majgull Axelsson

Gebundene Ausgabe:
432 Seiten

Verlag:
C. Bertelsmann (7. April 2008)

ISBN-10:
570008770

ISBN-13:
78-3570008775

Originaltitel:
Den Jag Aldrig Var


 
 
Michaela Hanel