Michaela Hanel
Psychologin
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MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.
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Was Ausgrenzung im Gehirn macht

Von Evolution und Einsamkeit vs. Einbezogenwerden

In ihrem neuesten Roman beschreibt Annie Ernaux, wie Mobbing sie geprägt hat: Ein Erlebnis vor ungefähr fünfzig Jahren hat ihr Leben lang nachgehallt, in ihrem Denken, Fühlen und Handeln. Neue Studien zeigen die Hintergründe. Kann Ausgrenzung Körper und Psyche verändern?

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Im Sommer 1958 wird Annie Duchesne 18 Jahre alt. Sie arbeitet als Betreuerin in einer Ferienkolonie, wird Teil einer Clique und einer für sie bis dahin fremden Welt aus Parties, Gemeinschaft, Ekstase. Eines Nachts tut sie etwas, nichtsahnend, das sie von einem Moment auf den nächsten zum Gespött der anderen macht. Zum Objekt von Ausgrenzung und Hohn. Fünfzig Jahre später erzählt die Schriftstellerin, die Annie inzwischen geworden ist, in ihrem 2018 erschienen Roman Erinnerung eines Mädchens davon.

 
Seine triumphierende Miene, seine Genugtuung. Hätte ich ihn am liebsten geohrfeigt? Er ist nicht ohrfeigbar, alle sind auf seiner Seite. Eine Wand aus Gelächter um sie herum. (…) Sie ist ganz in der Fassungslosigkeit, im Unverständnis darüber, dass sie am Pranger steht, nicht der Koch. Im Unglauben, dass die anderen dieser widerlichen Aktion applaudieren, dass niemand sie in Schutz nimmt.
— S.68
 

Annie befindet sich in einer Art Schock. Sie weiß mit der Situation nicht umzugehen. Nur, dass sie weiterhin dazugehören will. Deshalb ist sie bereit, sich anzupassen, „begierig, in die Euphorie der Gruppe einzutauchen“. Und bereit alles zu tun, was dafür verlangt wird. Auch wenn sie nicht weiß, was das sein soll.

Ausgrenzung aktiviert das Schmerzzentrum
Warum tut sie das? Wäre es nicht „klüger“, sich diesen Anderen zu entziehen? Eine Erklärung könnte sein, was neuere Studien zeigen: Bei Zurückweisung und sozialer Isolation schüttet unser Gehirn Stresshormone aus und das gleiche „Schmerzzentrum“ wie bei körperlicher Verwundung ist aktiv.
Annie Ernaux schreibt über ihr damaliges Ich:

 
Ich glaube nicht, dass sie auch nur auf die Idee gekommen ist, das zu tun, wozu die Sorge um sich selbst oder die Selbstachtung sie hätten zwingen müssen, sich von den anderen fernhalten und früh schlafen gehen, so wie manche Betreuerinnen. Sie kann nicht auf die neuen Erfahrungen verzichten.
— S.70
 

In zwei Experimenten wurden Testpersonen in Computertomographen untersucht. Während sie in der Röhre lagen, die ihre Gehirnaktivität misst, nahmen sie an einem virtuellen Ballspiel teil – vermeintlich mit anderen Probanden. In Wahrheit spielten sie gegen einen Computer, der sie mal in das Team einbezog, mal aus der Gruppe ausschloss.

Während das „Gemobbtwerden“ das gleiche Gehirnareal aktivierte wie körperliche Schmerzen, wirkte das Einbezogenwerden aufs Belohnungszentrum. Dies lindert Schmerzen jeglicher Art. Der Wunsch, sich nicht nur der Ausgrenzung zu entziehen, sondern viel dafür zu tun, wieder dazuzugehören, kann also als intuitives Streben nach der passenden „Medizin“ verstanden werden. Und erklärt, warum wir alles tun, um uns anzupassen, anstatt die Situation zu verlassen. Evolutionär macht das Sinn. Schließlich waren unsere Vorfahren auf den Schutz der Gemeinschaft, gemeinsames Kämpfen und den Platz am Feuer angewiesen.

 

Die Langzeitfolgen – und eine Medizin


Wenn dem so ist: Müssten Schmerzmittel dann nicht auch bei „sozialen Schmerzen“ wirken? Sie tun es tatsächlich, wie Studien z.B. für Paracetamol nachweisen konnten. Aber eben nur kurzfristig.
Was passiert auf längere Sicht? Wenn man Mobbing dauerhaft ausgesetzt ist? Oder die Situation - wie bei Ernaux - lange nachhallt?

 
Ich lasse die Szene immer wieder vor meinem inneren Auge ablaufen, und das Entsetzen darüber, wie schlecht ich mich gefühlt habe, wird nicht kleiner, eine Hündin, die gestreichelt werden möchte und einen Tritt bekommt. Doch ganz gleich, wie oft ich sie mir ansehe, ich kann diese Gegenwart, die seit einem halben Jahrhundert vergangen ist, nicht durchdringen, die Abneigung [der anderen] ist intakt und nach wie vor unverständlich.
— S. 52
 

Auf Dauer verschlechtert Ausgegrenztsein mit seinem Mehr an Stresshormonen unser Immunsystem. Es erhöht den Blutdruck, den Blutzuckerspiegel, kann zu Depressionen führen und steigert mit alldem das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle, wie u.a. diese Studie zeigt. Auch konnte nachgewiesen werden, dass Mobbing im Jugendalter die Identitätsbildung nachhaltig beeinflusst. Oft werden das Belohnungszentrum sowie das Schmerzzentrum und die Stressverarbeitung im Gehirn sogar dauerhaft verändert. Die Auswirkungen auf Körper und Psyche sind vielfältig.

Die unterschätzte Kraft der Gemeinschaft
Doch es gibt eine Medizin. Untersuchungen haben gezeigt, dass Senioren in Altenheimen, die sich in „Wasserclubs“ zusammenfanden, um sich gegenseitig ans Trinken zu erinnern, nach einiger Zeit deutlich gesünder waren als Kontrollgruppen. Diesen Effekt schrieb man zunächst allein der gesteigerten Menge an Flüssigkeit zu. Australische Wissenschaftler konnten nun aber zeigen: Eine Vergleichsgruppe, in der sich die älteren Menschen regelmäßig übers Weltgeschehen unterhielten, zeigte die gleichen Effekte. Und beide Gruppen waren deutlich gesünder als jene, die sich zum Vergleich dazu alleine mit dem Trinken oder der Politik beschäftigt hatten.

Wer sich einer Gruppe, einem Chor oder Verein anschließt, tut also etwas für seine Gesundheit. Das funktioniert nicht nur als Prävention sondern auch als eine Art Medizin: Körperliche und seelische Schmerzen lassen sich durch Zuwendung lindern. Und natürlich können wir darüber hinaus etwas für unsere Mitmenschen tun, indem wir dafür Sorge tragen, dass auch sie ein Teil der Gemeinschaft sind. So wie Annie es sich erhofft hat:

 
Den schwärmerischen Taumel, unter Gleichaltrigen zu leben, an einem von der Gesellschaft abgeschotteten Ort, unter der fernen, wohlwollenden Führung einer Handvoll Erwachsener. Die Begeisterung, einer durch Streiche, Wortspiele und anzügliche Lieder zusammengeschweißten Gruppe anzugehören, einer Bruderschaft des Spotts und der Vulgarität. Die Euphorie, die das ganze Sein erfasst, als ob unsere Jugend durch die Jugend der anderen potenziert würde - den Rausch der Gemeinschaft.
— S. 70
 

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Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Erinnerung eines Mädchens von Annie Ernaux

Gebundene Ausgabe:
163 Seiten

Verlag:
Suhrkamp (2. Oktober 2018)

ISBN-10:
9783518427927

ISBN-13:
978-3518427927

Originaltitel:
Mémoire de fille


 
 
Michaela Hanel