Michaela Hanel
Psychologin
Michaela-Hanel__Psychologin-Autorin_BLOG-Thumb.jpg

Blog

MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.
[Derzeit ist der Blog in Sommerpause]

Warum uns Sorgen nachts größer erscheinen

Von Mücken, Mätressen und Melatonin

Das Licht ist aus, der Wecker gestellt – und während man gerne eindämmern würde, beginnt ein Gedankenkarussell. Vielleicht war der Sohn heute unzugänglich, und ist er das nicht in letzter Zeit öfter? Was, wenn er nicht mehr zur Schule geht? Oder ist das womöglich ein Anzeichen, dass...?

Michaela-Hanel__Psychologin-Autorin__MINDSHELF_Illustration_Eva-Vasari_BLOG-BANNER_Warum-uns-Sorgen-Nachts-groesser-erscheinen.jpg
Michaela-Hanel__Psychologin-Autorin__MINDSHELF_Illustration_Eva-Vasari_BLOGIMAGE.png

65% der Frauen und 20% der Männer in Deutschland geben laut aktueller Studie an, dass Grübeln sie häufig am Einschlafen hindert oder, wenn sie nachts erwachen, nicht zurück in den Schlaf finden lässt. Laut DAK-Gesundheitsreport (2017) sind es sogar 80% der Berufstätigen hierzulande, die schlecht schlafen. Dann können Risse im Boden zu Abgründen werden und Mücken zu Elefanten. Oder, wie bei Dota Kehr: Stubenfliegen zu Monstern.

Auch Ellen Feld liegt wach. Die Hauptfigur in Katharina Hagenas Roman Vom Schlafen und Verschwinden (Kiepenheuer & Witsch, 2012) ist beruflich vom Fach, arbeitet als Schlafforscherin in einem Labor. Doch das hilft ihr nicht in jener Nacht, in der die Geschichte spielt. Zwischen Wegschlummernwollen und Aufstehenmüssen gerät sie in einen Gedankenstrudel aus Erinnerungen und Überlegungen, über Heimat, Familie und ein Geheimnis. Ihre Gedanken durchstapfen ihre Biografie, spüren Fragen, Fehler, Versäumnisse auf. Und reflektieren das Wachliegen selbst:

 
Schlaflose sind Wartende. Zuerst warten sie auf den Schlaf, dann auf den Tag. Dann warten sie den ganzen Tag darauf, dass er vorbeigehen möge, damit sie abends wieder auf den Schlaf warten können. Schlaflose sind wie vernachlässigte Mätressen, ein Wort, das nach Matratze klingt, aber wahrscheinlich bin ich schon vollkommen fixiert.
— S. 227
 

Woher kommen Schlafprobleme?
Die Ursachen können vielfältig sein, können in körperlichen Umständen wie Hormonschwankungen liegen – oder am Verhalten und unseren Gewohnheiten. Hierzu gehört neben Ernährung, Bewegung und der Gestaltung der Schlafumgebung auch zunehmend die Nutzung von Bildschirmgeräten. Es sind Rezeptoren in der Netzhaut, die unseren Schlaf-Wach-Rhythmus steuern. Computer-, Smartphone- und Fernsehbildschirme haben einen hohen Blaulichtanteil. Auf diesen reagiert die Netzhaut. Ihr wird suggeriert, es sei taghell, woraufhin der Körper auf „wach“ programmiert wird. Man könnte sagen, wir haben eine innere Uhr. Und Bildschirmlicht schraubt an den Zeigern herum.

 
Die Schlafhygiene mancher Leute ist erschreckend, ein ausgedehntes Nickerchen nach dem Essen oder womöglich eines nach der Arbeit, danach wieder Kaffee, überhitzte Schlafzimmer, Fernseher vor dem Bett – viele haben schon ein Viertel ihres Schlafsolls verplempert, noch bevor sie das Licht ausgeknipst haben.
— S. 39
 

Das Absolvieren der Schlafschule habe auf 70% ihrer Patienten die gleiche Wirkung wie ein leichtes bis mittleres Schlafmittel. Und es habe keine Nebenwirkungen. Mit den übrigen 30% müsse sie mehr in die Tiefe gehen.

Ok, ok, aber angenommen, man liegt nun mal wach – wieso erscheinen Probleme dann größer?
Einer der Gründe heißt Melatonin. Dieses „Schlafhormon“ wird ab den frühen Abendstunden verstärkt gebildet, wenn das Tageslicht immer weniger wird und kein Bildschirmlicht dazwischenfunkt – richtig, hier waren wir bereits. Melatonin hilft dem Körper, sich runterzufahren, müde zu werden, bereit für den Schlaf. Mit der Dunkelheit steigt seine Ausschüttung an, erreicht ein Maximum gegen drei Uhr nachts, fällt morgens bis unter die Nachweisgrenze und dümpelt dort über den Tag herum. Soviel zu dem, wofür es nützt.

Ein zweiter Effekt besteht aber darin, dass Melatonin die Stimmung drückt und anfällig macht für Ängstlichkeit (Stichwort Herbst-/Winterdepression als Begleiter der dunkleren Jahreszeiten). Dadurch wirken Sorgen gewichtiger, wenn man einschlafen will oder nachts erwacht – nicht selten gegen drei Uhr morgens, wenn die Melatonin-Ausschüttung ihren Höhepunkt erreicht. Man kann also sagen: Das Hormon hat die Fähigkeit, Dinge düster zu färben und ist ein Wachstumsmittel für Dotas Stubenfliege. Gleichzeitig beginnt in der zweiten Nachthälfte die Ausschüttung von Cortisol, einem „Aktivitätshormon“, das uns fürs Aufstehen am Morgen vorbereitet. Auf dessen spezielle Wirkweise soll hier nicht genauer eingegangen werden. Auch Ellen Feld, die Schlafforscherin, findet die Sache komplex:

 
Das Cortisol, das mich jede Nacht zwischen drei und vier Uhr weckt und dazu zwingt, mich zu erinnern, dasselbe Cortisol ist dafür verantwortlich, dass meine Erinnerungen an diese Dinge verblassen und ich wieder schlafen werde. Das ist so widersprüchlich wie wunderbar, und wenn ich darüber nachdenke, muss ich mich fast auflösen, um es ganz zu begreifen.
— S. 251
 

Psychische Ursachen
Neben den körperlichen und den verhaltensbedingten gibt es eine Reihe anderer, nennen wir sie psychische Ursachen. Zu merken, dass man nicht einschlafen kann, wenn in ein paar Stunden der Wecker klingelt, oder aufzuwachen und die Leuchtzeiger der Uhr zu entziffern, frustriert, macht ängstlich oder genervt – wirkt jedenfalls der Entspannung entgegen und rückt den Schlaf noch weiter weg.

Manchmal sind es bestimmte Themen, die abends und nächtens im Kopf herumspuken. Themen, die auch tagsüber da sind, doch da lassen sie sich beiseiteschieben, wegdaddeln, -arbeiten oder -sporteln. Abends dann fällt die Ablenkung weg, keine Geräusche und keine Umgebung mehr, auf die man sich konzentrieren könnte. Es ist dunkel und leise, viel Zeit und Raum – und wenig Kraft zum Auf-Abstand-Halten. Dann kommt ins Bewusstsein, was unliebsam ist, und das Melatonin tut sein Übriges. Nicht wenige finden das so unerträglich, dass sie den Fernseher weiterlaufen und sich von ihm in den Schlaf flackern lassen. Das hält die Sorgen zwar oftmals fern, ist aber aufgrund des blauen Lichts… – Sie ahnen es.

 
Vielleicht will ich gar nicht schlafen, vielleicht muss ich mir meine Geschichte wieder und wieder erzählen, darf nicht schlafen, damit ich etwas Lebenswichtiges begreife. Irgendetwas habe ich verpasst, verpeilt, verpennt, aber was?
— S. 261
 

Vielen Menschen ist durchaus bewusst, welche Themen sie am Wegdösen hindern. Oft folgt das Grübeln einem Bedürfnis, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, ihnen aktiv zu begegnen. Da die Einschlafzeit schlecht zum Problemlösen taugt, hält die Psychologie hier Strategien parat. Eine ist, das Grübeln auszulagern. Man macht eine Zeit und den Ort mit sich aus, wann und wo man sich seinen Baustellen widmet. Das kommt dem Drang entgegen, sich auseinanderzusetzen und umgeht den Einfluss des Melatonins. Nachts sind alle Katzen grau, tagsüber sieht man mehr. So wird das Sinnieren vom Bett entkoppelt, Schleifen können durchbrochen werden und neuer Input kann entstehen. Ein weiterer Tipp ist das Zu-Papier-Bringen. Das Aufschreiben ordnet die Gedanken, macht sie weglegbar und ermöglicht es, sie später mit Anderen durchzusprechen. Ein fremder Blick auf das Oft-Durchdachte eröffnet häufig neue Wege. Ellen Feld hingegen setzt auf die Zeit: Für diese eine Nacht gibt sie sich schließlich geschlagen, „aber schon heute kommt die nächste. (...) Und ich werde schlafen. Morgen. Spätestens übermorgen.“


Katharina-Hagena_Vom-Schlafen-und-Verschwinden_1181x725.jpg

Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Vom Schlafen und Verschwinden von Katharina Hagena

Gebundene Ausgabe:
282 Seiten

Verlag:
Kiepenheuer & Witsch (2012)

ISBN-10:
3462046020

ISBN-13:
978-3462046021


 
 
Michaela Hanel