Michaela Hanel
Psychologin
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MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.
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Warum Gerüche Erinnerungen wecken

Von Müttern, Madeleines und Marcel Proust

Der Geruch einer Speise aus der Kindheit, eines alten Parfüms oder eines Gebäudes, in dem wir lange nicht mehr waren – und plötzlich taucht vergessen Geglaubtes wieder im Gedächtnis auf. Fast jeder kennt dieses Phänomen. Doch woran liegt es, dass Gerüche die Fähigkeit haben, Erinnerungen aus der Versenkung zu holen?

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Der französische Romancier Marcel Proust hat diesen Sachverhalt literarisch geprägt. In seinem Epos Auf der Suche nach der verlorenen Zeit tunkt der Protagonist ein Stück Madeleine in einen Tee. Dann beißt er in den durchweichten Kuchen, riecht sein Aroma – und wird überrascht von einem unerwarteten Glückgefühl. Diesem folgt eine Erinnerung, die mit dem Geruch verknüpft ist. Selbst in der Wissenschaft ist die Tatsache, dass Düfte Erinnerungen auslösen können, daher als „Proust-Phänomen“ bekannt.

Und das spielt auch in Juli Zehs aktuellem Roman Neujahr (2018) eine Rolle. Darin macht der Protagonist Henning Urlaub mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter. Es ist der Neujahrsmorgen auf Lanzarote und Henning wähnt sich zum ersten Mal auf der Insel. Ganz intuitiv hat er diesen Ort gewählt, seine Frau mit der Reise überrascht. Jetzt sitzt er allein auf dem Mountainbike und versucht, einen Steilaufstieg zu bezwingen, hinauf zu dem kleinen Bergdorf Fermés. Dabei kämpft er nicht nur gegen Wind, Durst und Steigung, sondern auch gegen Angstanfälle. Sie plagen ihn seit der Geburt seiner Tochter. Es sind Panikattacken. Henning nennt sie nur „ES“.

 
Das Radfahren tut gut. Als würde die Angst von seinem Bauch in die Beine geleitet und dort verbrannt. Hennings Herz schlägt normal. ES hat sich zurückgezogen, sich wieder schlafen gelegt. Am liebsten würde er den Rest seines Lebens auf dem Fahrrad bleiben.
— S. 40
 

Warum wirkt alles so vertraut?
Während Henning in die Pedale strampelt, fallen ihm die Steine auf, die schwarz und glatt in der Landschaft liegen. Sie erinnern ihn an jene Steine, die seine Mutter in seiner Kindheit bemalte. Doch es sind nicht nur die Lavasteine, die in Henning einen Eindruck erzeugen, der seinem Wissen und dem Verstand widerspricht: den Eindruck, hier schon mal gewesen zu sein. Es liegt auch an einer bestimmten Pflanze, die ihm seltsam vertraut erscheint: 

 
Es ist der Duft. Würzig und süß. Genauso hat es in Mutters Badezimmer gerochen. Und er weiß auch, woher der Duft stammte. Kein Parfüm, kein Duschgel, sondern eine Hautcreme in einem runden Tiegel aus bräunlichem Glas.
— S. 33
 

Nicht nur Henning verbindet den Geruch mit seiner Mutter: Als Kind hat seine kleine Schwester, wenn sie ihre Mutter vermisste, manchmal den Deckel abgeschraubt und an dieser Creme gerochen.
Als Henning jetzt Fermés erreicht, erkennt er das Bergdorf schlagartig wieder. Die Erinnerung überflutet ihn. Tatsächlich war er als Kind schon mal hier. Plötzlich kommt in sein Bewusstsein zurück, wozu er zuvor keinen Zugang mehr hatte. Etwas, das so schrecklich war, dass Henning es seither verdrängt hat…


Direkte Verbindung zu den Gefühlen
Dass Düfte – stärker als andere Sinneseindrücke – Erinnerungen wecken können, liegt an dem Pfad, den sie im Gehirn durchlaufen. Hierbei nimmt der Geruchssinn eine Sonderstellung unter unseren Sinnen ein. Normalerweise gibt es eine Art Kontrollzentrale zwischen Sinnesreizen und dem Bewusstsein: den sogenannten Thalamus. Dort kommen Sinneseindrücke an, also das, was wir sehen, hören oder ertasten. Der Thalamus prüft sodann, welche Wahrnehmungen es „wert“ sind, weiter ins Bewusstsein zu dringen. Der Rest wird an diesem Punkt aussortiert – und bleibt außerhalb unseres Wahrnehmungsfelds.

Gerüche hingegen nehmen den kürzeren Weg: von der Nase direkt in unser Bewusstsein. Sie umgehen die erwähnte „Kontrollstation“. Stattdessen landen sie in zwei Arealen: dem Hippocampus und der Amygdala. Ersterer speichert Erinnerungen. Letztere steuert Gefühle. Die gleichzeitige Aktivierung verknüpft Duft und Gefühl im Gedächtnis. Ohne dass er die Hintergründe kennt, entspricht dies Hennings Empfinden:

 
Es ist, als ob die sternförmige Pflanze etwas in ihm geöffnet hätte, einen Kanal zwischen Nase und Gehirn, durch den die Welt in ihrer ganzen Fülle hereinflutet.
— S. 41
 

Ein offener Sinneskanal – mit enger Verknüpfung zum Gedächtnis
Unsere Nase ist also wie ein „offener Sinneskanal“ mit direktem Zugang zum Bewusstsein. Wenn traumatisierte Menschen aufgrund eines Erinnerungsreizes in eine Art Schock- oder „Freeze“-Zustand fallen, in dem sie nicht oder kaum ansprechbar sind und weder auf Gesehenes noch auf Gehörtes reagieren – Psychologen sprechen von Dissoziation – bleibt oft nur der Geruchssinn reagibel. Daher werden Duftöle oder andere starke Geruchsreize eingesetzt, um Menschen aus diesem Zustand „zurückzuholen“. Früher nahm man gar Ammoniak.

Die enge Verknüpfung mit Emotionen und dem Gedächtnis dürfte evolutionär sinnvoll gewesen sein. So löst der Geruch verdorbener Lebensmittel direkt Ekelgefühle aus. Und Erinnerungen an die letzte Magenverstimmung. Beides hält vom Verzehr ab.

Das Phänomen für sich nutzen
Diese Effekte können wir nicht umgehen – aber wir können sie nutzen. So hat die Aromatherapie zum Ziel, über Gerüche auf Emotionen zu wirken: beispielsweise zu entspannen oder die Stimmung aufzuhellen. Gerüche werden in der Behandlung von Depressionen eingesetzt. Doch auch ohne psychische Erkrankung gilt: Jeder Duft erzeugt eine Stimmung.

So wirkt Lavendel eher sedierend, während Orangenduft aktiviert und die Stimmung heben kann. Welche Düfte wir angenehm finden, hängt von individuellen Erfahrungen ab, von dem, was wir mit ihnen verbinden. Warum also nicht einfach mal mehr auf die Gerüche achten, und sich bewusst mit Düften umgeben, die wir als „positiv“ empfinden? Sei das draußen in der Natur – oder bei sich zuhause.


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Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Neujahr von Juli Zeh

Gebundene Ausgabe:
192 Seiten

Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
(erschienen am 10. September 2018)

ISBN-10: 9783630875729

ISBN-13: 978-3630875729


 
 
Michaela Hanel