Michaela Hanel
Psychologin
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MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.
[Derzeit ist der Blog in Sommerpause]

Über die Macht der Gedanken

Von Fantasiezitronen und Vorstellungskraft

„Das kann ich nicht“, „Das wird aber knapp“, „Wieso denn schon wieder ich?“,... Man denkt den ganzen Tag. Und meist wenig darüber nach, was man denkt. Doch das kann sich lohnen, denn: wie etwas im Kopf abläuft, beeinflusst auch den Körper.

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Derzeit leite ich eine Infogruppe für Menschen mit chronischen Schmerzen. Sie startet mit einem Experiment. Man stelle sich eine Zitrone vor: ihre Farbe, die Form, ihre Einzelheiten und wie sich die Schale anfühlt. Dann denke man sich ein Messer dazu, mit dem man die Zitrone schneide, betrachte eine der Scheiben genauer, rieche daran – und beiße hinein. Diese Übung zieht neben verzerrten Gesichtern für viele eine Erkenntnis nach sich. Dass sie die Säure fast schmecken konnten, das „Wasser im Mund zusammenlief". Ein Ziehen in der Kiefergegend bis hinauf zu den Wangenknochen. Dass der Körper also kaum einen Unterschied macht zwischen erdacht und real.

Die Untrennbarkeit des Körpers vom Geist ist Kern der modernen Psychosomatik. Ein alltägliches Beispiel ist Lachen. Lachen schüttet Endorphine aus. Diese reduzieren Schmerzen und stärken das Immunsystem. Die Auswirkungen des Lustigfindens – das erstmal nur ein Gedanke ist – dringen also bis in die Körperzellen. Diese Wechselwirkung läuft auch andersherum, vom Körper zum Geist. Aber das wäre ein eigenes Thema.

"Kann man sich alles vorstellen..."
Für Erwachsene ist es selten geworden, was für Kinder ganz selbstverständlich ist: die Gabe zur Fantasie zu nutzen. Eine Hommage an die Kraft der Gedanken ist der Film Kohlhaas  oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel (D 2012, R.: Aron Lehmann) (s. Video). Darin werden einem jungen Regisseur, gespielt von Robert Gwisdek alias Käpt'n Peng, am ersten Drehtag die Mittel für seine Verfilmung der Kleist-Novelle gestrichen.  Seine Crew droht daraufhin abzuspringen. Doch er ist überzeugt, dass es auf Anderes ankommt als Fördergelder und naturgetreue Requisiten. 



In Filmen wie Pans Labyrinth (ESP/MEX 2006, R.: Guillermo del Toro) ist die Fantasie Zufluchtsort vor der grausamen Realität. Und auch Marek, der Protagonist aus Włodzimierz Odojewskis autobiographischem Roman Ein Sommer in Venedig (SchirmerGraf, 2007; bzw. dtv, 2011), fantasiert vor einem besonderen Hintergrund. Es ist das Jahr 1939 in Polen. Der neunjährige Junge träumt von Ferien in der Lagunenstadt. Doch der beginnende Krieg verhindert die Reise. Statt an den italienischen Kanälen landet Marek auf dem Landgut seiner Tante – und in deren überflutetem Keller. Eine beengende Situation mit  viel Platz für Angst und Beklommenheit. Doch gemeinsam münzt die Familie sie um. Die dräuende Tragödie wird für kurze Zeit angehalten und der Keller zu einem sicheren Ort, zu so etwas wie: Venedig.

 
Die Türen zu allen Räumen standen sperrangelweit offen, so daß ein weitläufiges Ensemble von Wandelgängen, Kanälen und dem Hafen an der Treppe entstand, wo sich, bestehend aus zwei alten Singer-Nähmaschinen mit darübergelegten Brettern die Basilica di San Marco befand, mit Blick auf die Buchten, die kleinen Plätze und Gassen in den kleineren und größeren Nebenräumen, wo die an den Wänden stehenden Schränke und Regale die Häuser und Palazzi darstellten.
— S.92
 

Es ist Mareks Tante, die diesen „Ausflug“ initiiert, für den Marek ihr lebenslang dankbar bleibt. Durch ihn gelingt es der Familie, optimistisch und guter Stimmung zu sein, Abstand zu halten und nicht zu verzweifeln.

Welche Haltung wir zu Situationen beziehen, zu Lebensumständen, einer Krankheit, uns selbst, hat größere Auswirkungen als uns oftmals bewusst ist. Doch was bedeutet das für die Medizin? Und was für unseren Alltag?

 

Bedeutung für Medizin und Alltag


Die Medizin ist sich des Phänomens bewusst. Und nutzt es heute verschiedentlich. So ist die Wirkung sogenannter Placebos, also wirkstofffreier Scheinmedikamente, durch unzählige Studien belegt. Die geistige Haltung „Ich habe ein Medikament bekommen, gleich wird es mir besser gehen“ stellt den Körper auf eine Heilung oder Schmerzlinderung ein. Das entspannt und stimmt optimistisch – was tatsächlich zu einer Linderung der Symptome führt. Dass die Wirkung von Placebos lediglich eingebildet sei, ist inzwischen widerlegt. Die Erwartung wirkt. Und das ist neurobiologisch nachweisbar. So setzt beispielsweise ein Placebo-Schmerzmittel im Gehirn unterschiedliche Botenstoffe frei, je nachdem, welches Schmerzmittel die Person gewöhnt ist und was sie daher erwartet. Und auch bei anderen Erkrankungen beruht die Wirkung von Placebos auf einer tatsächlichen Freisetzung von Neurotransmittern. Zudem beeinflussen verschiedene Faktoren den Effekt: Vertrauen in die Ärztin oder das Therapieverfahren verstärken die Wirkung. Tablettenfarbe und -größe machen einen Unterschied. Und: je teurer das Präparat, desto wirksamer.

Ein weiteres Beispiel für die Wechselwirkung zwischen Gedanken und dem Körper ist Stress. Erleben und bewerten wir eine Situation als belastend, gefährlich oder unkontrollierbar, spannt sich die Muskulatur stärker an und das Gehirn schüttet Stresshormone aus. Kurzfristig macht das leistungsfähiger. Anhaltender Stress aber führt zu einem chronischen Aktivierungszustand und zieht diverse körperliche Erkrankungen nach sich. Das Gegenteil von Stress wäre Entspannung – sowohl körperlich als auch gedanklich.

Die Vorstellung eines sicheren Orts
Ähnlich ist es mit der Angst. Es ist biologisch nicht möglich, Angst zu empfinden, während der Körper völlig entspannt ist. Die Bewertung einer Situation als bedrohlich bewirkt eine Anspannung des Körpers. Umgekehrt begünstigt körperliche Anspannung die Entstehung ängstlicher Gedanken und Bewertungen. Nicht wenigen fällt es leichter, beim Körper als bei der Psyche anzusetzen. Und diese Form der Angstbehandlung wirkt ebenfalls, denn: In einem entspannten Körper kann sich ein aufgeregter Gedanke nicht lange halten.

Als Therapieform für insbesondere traumatischen Stress, also körperliche Überaktivität infolge gravierender Erlebnisse, hat die Psychoanalytikerin Luise Reddemann verschiedene Imaginationstechniken entworfen, die das körperliche Anspannungsniveau senken können. Das wohl bekannteste ist der „innere sichere Ort“. Ziel ist es, sich einen solchen vors innere Auge zu führen und auch in stressigen Situationen „aktivieren“ zu können.

 
Das Wasser wogte und plätscherte; das Licht, das vom Garten durch die Fenster hereinschien, erleuchtete die Innenräume und ließ sie grünlichgolden wirken; es brach sich an der Oberfläche, glänzte und glitzerte, flackerte an den Wänden mal feurig, mal kalt auf, und alles erinnerte an die echte Stadt „auf dem Wasser“, an Venedig.
— S.93
 

Was dem kindlichen Marek „einfach so“ durch Fantasie gelingt, fällt so manchem Erwachsenen schwer. Manche entscheiden sich daher für Hypnose als eine erleichterte und tiefere Variante der Eingebung. Dabei wird man in einen Trancezustand versetzt, in dem positive Bilder und Suggestionen leichter aufgenommen werden. Einsatzgebiete für Hypnose sind neben klinischen Störungsbildern wie Depressionen, Ängste oder chronische Schmerzen auch Bereiche, in denen es darum geht, mehr Willensstärke für die Umsetzung der eigenen Ziele zu erlangen (Raucherentwöhnung, Gewichtsreduktion, ...). Oder auch, um das Selbstwertgefühl zu steigern, eine positivere Haltung zu sich selbst zu entwickeln und sich selbst mehr zuzutrauen. Warum das wichtig ist, um Erfolg zu haben, hat Henry Ford auf den Punkt gebracht: „Ob du denkst, du kannst es, oder ob du denkst, du kannst es nicht: Du wirst auf jeden Fall recht behalten.“

Sich selbst beim Denken beobachten
Doch wie kommt man auch ohne Hypnose zu einer hilfreicheren Haltung bezüglich sich selbst, seinen Fähigkeiten oder gegenüber einer körperlichen Krankheit?
Mentale Prozesse wie das Bewerten einer Situation laufen meist unbewusst, automatisiert und nebenbei ab. Doch man kann sich selbst beim Denken beobachten, einen Gedanken stoppen oder bewusst in eine andere Richtung lenken. Voraussetzung ist eine bewusste Wahrnehmung – ohne zu bewerten. Das gilt für Sinneseindrücke ebenso wie für aufkommende Gedanken. In einem zweiten Schritt kann man sich fragen, ob der Gedanke hilfreich ist. Und ihn gegebenenfalls ersetzen. Meist hat man sich einen bestimmten „Denkstil“ zu Eigen gemacht und häufig verwendete Gedanken sind im Gehirn leichter und schneller zugänglich als neue. Doch mit der Zeit und der nötigen Übung kann jedes Verhalten und jedes Denkmuster Routine werden. All das ist unter dem Schlagwort „Achtsamkeit“ in den letzten Jahren Trend geworden, in Liftestyle-Magazinen, Therapiezimmern, Meditationsseminaren. Doch wirklich neu ist das Ganze nicht. So findet man die Achtsamkeitslehre seit jeher im Buddhismus und auch im Talmud  steht Folgendes: „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

Zum Schluss nochmal kurz zurück zu Marek, dem Helden aus Włodzimierz Odojewskis autobiographischem Roman. Nach jenem Sommer im Keller seiner Tante und nach Ende des Krieges hat er die halbe Welt bereist. Nach Venedig aber ist er nie gefahren:

 
Vielleicht hatte er im tiefsten Inneren ein wenig Angst. Nein, er wusste nicht, wovor. Er wusste hingegen, dass ihn dort eine Gondel erwartete, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit den riesigen Waschzubern im Keller von Tante Weronika hatte. Und deshalb wollte er nicht.
— S.126
 

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Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Ein Sommer in Venedig von Włodzimierz Odojewski

Taschenbuch: 128 Seiten

Verlag:
dtv Verlagsgesellschaft (1. April 2011)

ISBN-10:
3423139803

ISBN-13:
978-3423139809

Originaltitel:
Jedzmy, wracajmy i inne opowiadania


 
 
Michaela Hanel