Michaela Hanel
Psychologin
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MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.
[Derzeit ist der Blog in Sommerpause]

Narration & Identität: Wie erzählen wir unser Leben?

Von Wendungen, Weichen und dem Wert der Reflexion

Rückblickend ist unsere Vergangenheit eine Ansammlung von Geschichten. Doch wie wir diese interpretieren und unsere Version erzählen, hängt von der Persönlichkeit ab. Und beeinflusst das weitere Leben.

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Von Geburt an erleben wir täglich Geschichten: Ereignisse, die uns beeinflussen. Manche sind sogar prägend. Die meisten davon vergessen wir wieder. Doch auch wenn sie dann nicht mehr abrufbar sind, heißt das nicht, dass sie nicht in uns weiterwirken. Wenn man versucht, sein Leben zusammenzufassen, zu „der einen zentralen Geschichte“, siebt man notgedrungen aus – aus der Vorauswahl, die das Gedächtnis trifft. Welche Geschichten dann übrig bleiben und auf welche Art wir sie (uns oder nahen Personen) erzählen, hat viel mit dem Charakter zu tun. Und stellt zudem neue Weichen.

Auch Paul, der etwa achtzigjährige Protagonist in Julian Barnes’ neuem Roman, versucht, die wahre Geschichte seines Lebens zu erzählen. Er war neunzehn, als er sich in Susan verliebte, eine 48-jährige Frau. Susan war verheiratet, ihre Beziehung zu Paul ein veritabler Skandal. Für Paul war es die große Liebe. Bis er an ihr fast zerbrach. Was also bestimmt sein Leben im Rückblick? Der Höhenrausch? Oder der tiefe Fall?

 
Das war auch so ein Rätsel, über das er ab und zu nachdachte. Was war die richtige – oder die richtigere – Formulierung: “Das Leben ist schön, aber traurig” oder: “Das Leben ist traurig, aber schön”? Das eine oder das andere war offensichtlich wahr, aber er konnte sich nie entscheiden, welches.
— S. 294
 

Eine Liebesgeschichte? Oder eine des Scheiterns?
Am Ende seines Lebens weiß Paul, dass die Beziehung zu Susan ihn an beide Pole des Glücks gebracht hat, zur Euphorie und ins Unglück. Zu Beginn war alles ungetrübt, die Wendung noch nicht absehbar. Später überschattete das Leid den glücklichen Anfang. Barnes’ Roman ist daher dreigeteilt. Die glücklichen Anfangsjahre sind vom Leiden danach getrennt. In einem dritten Teil ist Paul bereits alt, ein Mann “am anderen Ende des Lebens”. Er reflektiert über das, was war. Und er versucht, beide Teile wieder zusammenzufügen: zu einer einzigen Geschichte.

 
Susan [hatte] sein Leben auf so vielfältige Weise geprägt, sei es zum Guten, sei es zum Schlechten. Sie hatte ihn großzügiger werden lassen und anderen gegenüber offener, aber auch misstrauischer und verschlossener. Sie hatte ihm den Wert der Impulsivität beigebracht, aber auch deren Gefahren.
— S. 271
 

Wie wir etwas erinnern oder interpretieren, kann von der Tagesform abhängig sein. Doch obwohl wir unsere Erinnerungen ständig überarbeiten, gewissermaßen aktualisieren, zeigen neue Forschungen: Sie enthalten stabile Stilelemente. Und die hängen von der Persönlichkeit ab. Genauso wie Menschen unterschiedliche Eigenschaften haben, erinnern und erzählen sie ihre Lebensgeschichten auf verschiedene Weise. BBC berichtete kürzlich von einer Forschergruppe um Kate McLean, die drei große Schlüsselmerkmale dessen ausmachen konnte, wie wir uns das Leben vor Augen halten und anderen davon berichten.

 

Drei Schlüsselmerkmale von Lebensgeschichten

Das erste sind die “motivationalen und affektiven Themen”. Das beschreibt, wie viel Autonomie und Verbundenheit mit Anderen zum Ausdruck kommt. Aber auch, wie positiv oder negativ die Geschichten insgesamt sind. Ob sie von guten Situationen beherrscht werden, die sich zum Schlechten wenden oder von negativen, die am Ende zu etwas Gutem geführt haben. Etwa wenn man aus Krisen gelernt hat und gestärkt aus ihnen hervorging. Oder wenn sich aus ihnen etwas ergab, das einem später wichtig wurde. Generell scheinen wir eine Tendenz zu haben, entweder Negatives oder Positives deutlicher hervorzuheben.

Das zweite Merkmal ist das "autobiographische Schlussfolgern". Es beschreibt, wie wir über die Erfahrungen in unserer Vergangenheit nachdenken. Ob wir einen Sinn in dem Geschehenen finden. Ob und wie wir Zusammenhänge erkennen zwischen Schlüsselereignissen und der Art und Weise, wie sie uns verändert haben. Paul beispielsweise hatte nie Verständnis für das spießige Leben seiner Eltern. Als Jugendlicher grauste es ihm vor ihrem öden Konservativismus. Als älterer Mann hat er mehr Verständnis für sie. Er sieht die Dinge jetzt anders. Und das ermöglicht eine verspätete Trauer:

 
[Er] empfand jetzt eine retrospektive Dankbarkeit für eben die Sicherheit und Eintönigkeit, mit der er gehadert hatte, als er Susan kennenlernte. Seine Lebenserfahrung hatte ihn zu der Überzeugung gebracht, dass es in den ersten sechzehn Lebensjahren im Wesentlichen darauf ankommt, Schadensbegrenzung zu betreiben. Und dabei hatten ihm seine Eltern geholfen. Also gab es soetwas wie eine postume Versöhnung.
— S. 300-301
 

Schließlich gibt es laut McLean noch den Aspekt der „Struktur“. Er beschreibt, wie viel Sinn unsere Geschichten in Bezug auf Zeitachse, Fakten und Kontext ergeben. Paul hat nie Tagebuch geführt und er weiß, dass Erinnerungen nie korrekt sind. Er sagt, “das Holz der Erinnerung spaltet sich durch den Kern”. Deshalb könne man sich so schlecht an ruhige Zeiten erinnern, die relativ ereignislos waren. Er weiß, dass jeder Menschen Dinge vergisst und anderes sehr verändert erinnert. Und doch habe die Erinnerung eine eigene Art der Authentizität: eigen, aber nicht schlechter.

Narrative Therapie: Wir können unsere Geschichte verändern
Wie wir unsere Geschichte erinnern, hat Auswirkungen auf unser Wohlbefinden. Manchmal sogar auf die Gesundheit. Wer sich eher an die positiven Aspekte einer Episode erinnert, hat eine höhere allgemeine Lebenszufriedenheit. Die Betrachtung persönlicher Geschichten in einem konstruktiveren Licht ist daher die Grundlage der "narrativen Therapie". Die Aussage: Das rote Buch in deinem Kopf ist nicht die endgültige Ausgabe. Wir können die Geschichte ändern, während wir sie erzählen, indem wir Aspekte neu gewichten. Und dadurch unser Gefühl für uns selbst. Denn: Oft formen die Geschichten unsere Identität. Die Geschichten, die wir über uns erzählen, konstruieren uns, schaffen Überzeugungen, geben Halt.

Menschen, die positivere Geschichten erzählen und Geschichten, in denen aus Schlechtem Gutes entstand (z.B. von der Zeit, als sie ihren Job verloren, aber letztendlich ihre Karriere in etwas verwandelt haben, das ihnen deutlich mehr Spaß macht), fühlen sich insgesamt wohler und sind psychisch gesünder. Dies gilt auch für Menschen, deren Geschichten einen stärkeren Fokus auf die Rolle nahe stehender Personen in den Ereignissen ihres Lebens legen und ein Gefühl der Gemeinschaft betonen.

Konsequenzen für die Gegenwart & Weichen für die Zukunft
Ebenso korrelieren mehr autobiografisches Schlussfolgern und eine bessere Struktur der eigenen Lebensgeschichte laut Kate McLean mit mehr Wohlbefinden. Geschichten mit weniger Autonomie und Gemeinschaft korrelieren hingegen mit geringerer Zufriedenheit. Aber ist Wohlbefinden wirklich die Folge einer bestimmten Sichtweise oder spiegelt es schlicht ein besseres Leben? BBC berichtet von einem Experiment, das untersucht hat, ob wir das prägen und lenken können.

In diesem Experiment waren Studierende aufgefordert, Passagen ihres Lebens zu erinnern und aufzuschreiben, in denen sich etwas zum Guten veränderte. Verglichen mit einer Kontrollgruppe, die eine beliebige Episode ihres Lebens niederschrieb, zeigte diese Gruppe auch Wochen später noch eine größere Zielbeständigkeit und diese Studierenden neigten eher dazu, Begonnenes auch zu beenden. Diese Ergebnisse legen nage, dass persönliche Erzählungen geprägt werden können. Und dass eine Veränderung der Art und Weise, wie Menschen über wichtige Lebensereignisse denken und sprechen, sich auf ihre weitere Entwicklung auswirkt. Und auch bei Paul, dem Protagonisten aus Julian Barnes’ Roman, sind es schließlich die positiven Seiten seiner schwierigen Beziehung zu Susan, die er erinnern und behalten will:

 
Seiner Ansicht nach gehörte es zu seinen letzten Aufgaben im Leben, Susan richtig in Erinnerung zu behalten. Damit meinte er nicht: korrekt, Tag für Tag, Jahr für Jahr, vom Anfang über die Mitte bis zum Ende. Das Ende war entsetzlich gewesen und der Anfang von viel zu viel Mitte überschattet. Nein, er meinte es so: Es war seine letzte Pflicht ihnen beiden gegenüber, sie so in Erinnerung zu behalten und zu bewahren, (...) dass sie wieder das hatte, was er noch immer ihre Unschuld nannte.
— S. 232-233
 

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Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Die einzige Geschichte von Julian Barnes

Gebundene Ausgabe:
304 Seiten

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch (14. Februar 2019)

ISBN-10: 3462051547

ISBN-13: 978-3462051544

Originaltitel:
The Only Story


 
 
Michaela Hanel