Michaela Hanel
Psychologin
Michaela-Hanel__Psychologin-Autorin_BLOG-Thumb.jpg

Blog

MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.

Wie instabile Mütter prägen

Von roten Ampeln, roten Pisten und rastlos schwankenden Eltern

In ihrem im Frühjahr auf Deutsch erschienenen Roman “Die Entflohene” erzählt Violaine Huisman vom Aufwachsen mit einer psychisch labilen Mutter. Was sie schildert, kennen viele Betroffene. Was sind die Gemeinsamkeiten ihrer Geschichten? Und gibt es typische Folgen?

Michaela-Hanel__Psychologin-Autorin__MINDSHELF_BLOG-BANNER_Huisman_Kinder_psychisch_kranker_Muetter.jpg
Michaela-Hanel__Psychologin-Autorin__MINDSHELF_Illustration_Eva-Vasari_BLOGIMAGE.png

Wenn Violaines Mutter sie zur Schule bringt, kann das rasant und riskant ablaufen, dann können ihr Schilder und Ampeln egal sein, wenn man ansonsten zu spät kommen würde, dann wird auch mal übers Trottoir gefahren, mal jauchzend, meist fluchend und fast nicht zu stoppen.

 
Zu Mamans Lieblingsausdrücken zählten die äußersten Mittel. Man musste immer zum äußersten Mittel greifen, um sein Ziel zu erreichen: auf den Bürgersteigen fahren, eine Tür eintreten, seinen Mann beschatten lassen, ihn bei der Steuerbehörde anzeigen, alle Hebel in Bewegung setzen, je krasser desto besser.
— S. 71-72
 

Violaines Mutter ist bipolar affektiv erkrankt, früher auch bekannt als “manisch-depressiv”. Dabei wechseln sich depressive Phasen mit Phasen ab, in denen die Betroffene voller Tatendrang sind, euphorisch oder dauergereizt. Sie erleben sehr intensive Gefühle, die in andere Stimmungen kippen können, reagieren übertrieben, oft impulsiv und für Andere unberechenbar. Und auch wenn es einige Unterschiede gibt, sind dies die wesentlichen Gemeinsamkeiten mit der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung – auch bekannt als “Borderline”. Für die Kinder der Betroffenen hat beides oft ähnliche Folgen.

Denn: Eine wichtiger Schritt in der Entwicklung eines Kleinkindes ist die Fähigkeit, die Abwesenheit der Mutter ohne große Angst ertragen zu können. Dafür muss sie zu einer Art inneren Gewissheit geworden sein. Und für die Entstehung dieses Vertrauens ist Beständigkeit wichtig. Was also wenn diese Beständigkeit fehlt, weil schwankende Stimmung, Impulsivität und Unberechenbarkeit Teil der mütterlichen Persönlichkeit sind?

Folgen für die Kinder
Kinder nehmen sich so wahr, wie ihre Eltern es ihnen spiegeln, wie also auf sie reagiert wird. Da mit der Stimmung und den extremen Gefühlen auch die Wahrnehmung der Erkrankten schwankt, nehmen sie die Kinder, ihrer Stimmung entsprechend, mal als Engel, mal entwertet wahr. Huisman beschreibt, wie sie der Mutter dann nichts mehr recht machen konnte, nicht gut genug war, zu undankbar, ihre Geschenke als “lieblos” verschmäht. Da die Stimmung oft ohne Anlass kippt, sind die Kinder verwirrt und fühlen sich schuldig. Doch auch wenn der Sturm vorüber ist, wird selten über Passiertes gesprochen. Oft erinnern sich die Mütter dann nicht einmal mehr an das, was sie getan oder gesagt haben. Da das für Kinder verstörend ist, entwickeln sie häufig sehr gute Antennen und ein Talent dafür, Stimmungen zu erspüren und Menschen zu lesen.

 
Maman kannte keine sanfte Talfahrt, die grüne Piste existierte nicht in ihrem Skigebiet, bestenfalls war sie feuerrot, schlimmstenfalls schwarz wie Asche. Deshalb blieb uns nichts übrig, als abzuschätzen, ob noch Luft nach oben war, ob man noch aufsteigen konnte, solange der Himmel blau war.
— S. 67
 

Huisman schreibt davon, früh erwachsen geworden zu sein. Sie und ihre Schwester hätten eine “eiserne Wachsamkeit” entwickelt. Sie seien sehr reife junge Mädchen gewesen und schon früh dazu fähig, Probleme der Erwachsenen zu verstehen, für die Gleichaltrige noch zu jung gewesen wären. Auch lernen solche Kinder oft, die eigenen Gefühle zu unterdrücken, sie nach außen gut zu verbergen.     

In Sorge um die Mutter
Auch Angst um die Mutter spielt oft eine Rolle. Unter Stress, bei Konflikten, dem Eindruck, kritisiert oder “verraten” worden zu sein, drohen manche Betroffene mit dem Verlassen – zum Beispiel, um emotionale Kontrolle zu erlangen und nicht selbst verlassen zu werden. Und auch die Mutter von Violaine zieht in ihren Wutausbrüchen und Gifttiraden alle Register, sie schimpft, beleidigt und droht ihren Töchtern:

 
Ich tue, was ich will, ist das klar? Ich bin erwachsen und geimpft, und ich sage euch, ihr könnt mich mal, jede Einzelne von euch! Ich werde noch abhauen, wenn das so weitergeht. Am Tag, an dem ich mir was antue, werdet ihr euch noch fragen, wie konnte das passieren, warum nur? Ich bin ein Mensch, könnt ihr das endlich mal alle in eure Schädel kriegen?
— S. 87
 

Und es bleibt nicht bei dieser Drohung. Mehrfach müssen Feuerwehrleute Violaines Mutter reanimieren, etwa wenn sie Beruhigungsmittel mit Alkohol und Drogen geschluckt hat. Auch ein gemeinsamer Autounfall infolge einer rasanten Fahrt hätte tödlich enden können. Unklar bleibt, ob das sogar der Plan war. Die Angst der Töchter um ihre Mutter zeigt sich in Gute-Nacht-Routinen, in denen sie sich kaum verabschieden können, die Mutter nicht aus dem Zimmer lassen wollen. Oder als sie sich nachts im Krankenhauszimmer ihrer Mutter heimlich einschließen lassen, um sie nicht aus den Augen zu lassen. Tag und Nacht verbringen sie an ihrem Bett. Noch als Erwachsene ruft Huismans Schwester vor langen Flügen ihre Mutter an, will hören und wissen, dass es ihr gut geht, bevor sie selbst an Bord steigt.

 

Sieht niemand die Probleme?

Wenn die Betroffenen im Beruf und nach außen hin gut kompensiert sind, bleibt die Not der Kinder lange unerkannt. Dann sind die Probleme für Fremde unsichtbar – oder wirken sogar gegenteilig. Violaines Freundinnen schwärmen für deren Mutter, die ihre Töchter die Schule schwänzen lässt, ihnen allen zuhört und mit ihnen kifft, “sie war deren Idol, deren Adoptivmutter”. Hinzukommt, dass die Betroffenen in ihrer eigenen Kindheit oft Vernachlässigung oder Gewalt erfuhren, nicht selten in der Familie, sodass geeignete Vorbilder fehlen und die Mutterrolle generell schwer fällt.

 
Aber es bleibt schwierig, eine Maman zu sein. Eingeholt von ihren Kindheitserinnerungen, ist sie besessen von der Idee, es nicht so zu machen wie ihre Mutter, ohne zu wissen, was genau es bedeutet, nicht in ihre Fußstapfen zu treten. Außerdem setzt ihr zu, dass das Kind und sein Vater ständig ihre Aufmerksamkeit fordern, deren widersprüchliche Bedürfnisse, sie spürt diesen permanenten Zwiespalt körperlich, und sie hat Angst, alles zu verlieren, dauernd befürchtet sie, falschzuliegen, total auf dem Holzweg zu sein.
— S. 179-180
 

Weil in der Beziehung zu den Sprösslingen auch das Verhältnis zu den eigenen Eltern aufblitzt, die eigene Kindheit reaktiviert wird, fällt der Umgang mit fremden Kindern oft leichter, weil weniger auf dem Spiel steht. Nicht selten suchen die Kinder von Borderline- oder bipolaren Müttern im Laufe ihres Lebens Therapeuten auf. Statistisch häufiger sind es die Töchter. Ihnen fällt es meist schwerer, ihre Identität von der mütterlichen zu trennen, nicht nur wegen des gleichen Geschlechts. Auch scheinen sie öfter mit negativen Projektionen belastet zu werden, als es bei Söhnen der Fall ist.

Was hilft den Kindern?
In Therapien kann erarbeitet werden, was “normal” und was “pathologisch” ist. Die Muster der Eltern zu durchschauen, kann helfen, sich selbst besser verstehen zu können, das eigene Verhalten nachzuvollziehen. Beispielsweise dass auf Nähe oftmals Zurückweisung folgt. Es kann darum gehen, die eigenen widersprüchlichen Gefühle, wie Ärger und Angst zuzulassen und zum Ausdruck zu bringen, ein stabiles Selbstbild zu entwickeln, das unabhängig von außen ist. Therapien können dazu dienen, sich selbst und die Welt positiver zu sehen, zu lernen, der eigenen Sicht zu vertrauen und die eigene Wahrnehmung beizubehalten, auch wenn Andere sie verzerren. Oft geht es darum, aufzuhören, die eigenen Eltern retten zu wollen.

Für Violaine sei es zudem wichtig gewesen, beide Seiten ihrer Mutter im Blick zu behalten, auch das, was sie ihr gegeben hat: “diese absolute, enorme Zuversicht, diese bedingungslose Liebe, diesen Mut, mit dem ich meine Unabhängigkeit verwirklicht habe.“ Und so ist Die Entflohene ein sehr berührendes wie auch komplexes Porträt einer verzweifelten, aber auch schillernden Frau. Eine Liebeserklärung an eine Mutter, deren wunderbare Seiten nicht vergessen werden sollen:

 
Und selbst wenn ich wüsste, dass diese Bemerkung in der schwärmerischen Perspektive des kleinen Mädchens wurzelt, das ich gewesen war, selbst wenn ich mit dem Abstand der Jahre reifer, ihr Porträt auf eine nuanciertere Weise hätte zeichnen können – klar und deutlich sah ich ihren Makel wie auch ihre Stärke –, blieb Maman in meinen Augen trotzdem immer mehr eine Heldin als alles andere. Maman war meine Heldin, Punkt.
— S. 226
 

Huisman_Cover.jpg

Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Die Entflohene von Violaine Huisman

Gebundene Ausgabe:
256 Seiten

Verlag:
S. FISCHER (24. April 2019)

ISBN-10: 3103973918

ISBN-13: 978-3103973914

Originaltitel:
Fugitive parce que reine


 
 
Michaela Hanel