Michaela Hanel
Psychologin
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MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.

Die Psychologie der Schuld

Von Unfällen, Unschuld und Ueber-Ich-Normen

“Es ist mein halbes Leben her, dass ich ein Mädchen getötet habe.” So beginnt Darin Strauss’ autobiographische Erzählung. Was bedeuten Schuld oder Unschuld abseits der Justiz? Wofür sind Schuldgefühle sinnvoll? Und kann man sie therapeutisch “behandeln”?

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Darin Strauss ist achtzehn Jahre alt, als er eine Mitschülerin tötet. Sein Auto erwischt Celine, die auf der West Shore Road plötzlich mit dem Fahrrad auf seine Fahrbahn zieht und später im Krankenhaus stirbt. Er sei „unschuldig“, sagen Sachverständige und die Justiz. „Schuldig“, sagt sein Gewissen. Weil er Freunde mit im Auto hatte, vielleicht unaufmerksam war?

 
Hätte ich nicht versucht, uns alle auf etwas Cooles aufmerksam zu machen - vielleicht hätte ich mich auf Celine konzentriert oder wäre langsamer gefahren oder hätte früher gehupt. (...) Jede einzelne von zehn alternativen Verhaltensweisen hätte vielleicht zu einem anderen Ausgang geführt. Möglicherweise war ich nicht vorsichtig genug gewesen, bevor das Mädchen plötzlich zwei Spuren schnitt.
— S.38
 

Darin bemüht sich um Normalität. Doch die restliche High-School-Zeit, die College-Jahre, die erste Liebe – alles wird vom Gefühl der Schuld überlagert. Da ist die Sorge, dass ihn der Unfall “für immer und ewig definiert”. Vor sich selbst und vor Anderen. Dass er juristisch freigesprochen wurde, spielt für ihn kaum eine Rolle. Auch die Psychologie beschäftigt sich mit Schuld vor allem in Form von Schuldgefühlen - etwas rein Subjektivem also. Eine der ersten Theorien dazu stammt von Sigmund Freud.

Sigmund Freud: Verstoß gegen Über-Ich-Normen
Seine Tiefenpsychologie verortet Schuld im Gewissen, bzw. dem Über-Ich: Einer mächtigen Instanz aus Normen und Moralvorstellungen, die wir übernommen und verinnerlicht haben. Bei Zuwiderhandlung und Pflichtverletzung reagiert es mit Schuldgefühlen, Gewissensbissen, Bestrafungsängsten. Oder mit dem Wunsch nach Bestrafung.

 
Gegen Ende dieses ersten Tages näherte sich Melanie Urquhart meinem Spind. Ich machte mich auf etwas gefasst: Jetzt kam es. Während sie näher kam (...), merkte ich, dass ich es hören wollte. Das war es, wonach ich mich sehnte, die maximale Härte. Das Allerschlimmste. Es musste ausgesprochen werden, und zwar durch jemanden von außen, damit ich feststellen konnte, ob es stimmte.
— S.59
 

Die heutige Universitätspsychologie betont dagegen vor allem den gesellschaftlich-sozialen Aspekt. Schuldig fühlt sich, wer die Normen seiner Gesellschaft verletzt. Das zu empfinden und das Leiden Anderer auf eigenes Versagen zurückführen zu können, setzt Empathie und Verantwortungsbewusstsein voraus: Zeichen einer reifen Persönlichkeit. Die Gemeinschaft profitiert davon, wenn die einzelnen Mitglieder Verantwortung für ihr Tun übernehmen. Somit ist es sinnvoll, durch Schuldgefühle “bestraft” zu werden, wenn man Anderen dieser Gemeinschaft schadet. Im Bestfall hält uns die Vorstellung der Schuld schon im Voraus davon ab.

 

Schuld vs. Scham


Schuld und Scham sind manchmal schwer zu unterscheiden. Oft treten sie gemeinsam auf. Und auch bei Darin vermischt sich beides. Während Schuldgefühle allein dadurch entstehen, Normen verletzt zu haben - und sei es, ohne dass jemand anders davon weiß - braucht Scham ein Gegenüber. Jemanden, vor dem wir uns schämen. Eine Person oder eine ganze Öffentlichkeit, die um diesen “Fehltritt” weiß.

 
Okay, das war’s. Du stehst in der Zeitung, die ganze Welt weiß nun davon, du kannst dich nicht verstecken. Und ich hatte recht. Nachdem die Geschichte in der Lokalzeitung erschienen war, wusste jeder Bescheid. Ein Freund, der ungefähr eine Stunde entfernt wohnte, wurde von seiner Mutter mit der Nachricht aus dem Schlaf gerissen.
— S. 37
 

Schamgefühl sorgt für Erröten und dass man am liebsten im Boden versinken würde. Es kann auch für den Moment überfluten. Das Gefühl der Schuld aber bleibt auch dann bestehen, wenn sich Andere längst nicht mehr interessieren. Wenn es kein Gegenüber mehr gibt.

Folgen für Körper & Psyche
An Darin nagt es fast 20 Jahre, als er beginnt, darüber zu schreiben. Da ist er beinahe doppelt so alt wie zum Zeitpunkt des Unfalls. Und die Folgen bereits manifest. Denn mittlerweile hatte er zwar eine stabile Fassade, litt aber an Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er hatte Magenprobleme und anderen körperliche Erkrankungen, die ihn immer wieder ins Krankenhaus und auf OP-Tische führten.
Beziehungen und Freundschaften sind gescheitert. Eine begonnene Psychotherapie hat er abgebrochen, weil der Arzt zweifelhafte Methoden probierte. Und so dauerte es Jahre, bis er sich wieder jemandem öffnete.

Und wie nun damit umgehen?
Heute würde man Schuldgefühlen therapeutisch anders behandeln. Man könnte Annahmen hinterfragen und andere Sichtweisen ausprobieren. Die Therapie als einen Prozess verstehen, der Zeit braucht. Manchmal geht es darum, das Gefühl erdrückender und umfassender Schuld in das Empfinden einer realistischen Teilschuld zu verwandeln. Sie auszuhalten und akzeptieren zu lernen. Sich selbst zu verzeihen. Oder eine Form der Wiedergutmachung zu finden. Auf diesem Weg kann man unterstützt und begleitet werden. Darin ist ihn alleine gegangen, vom ersten Schock, dem Gang zu Celines Eltern und zu Celines Beerdigung, ins Studium, in Beziehungen und vor Gericht. Jahrzehnte der Auseinandersetzung, die er für uns verdichtet hat, auf knapp über 200 Seiten. Welche Menschen, Gedanken und Erkenntnisse es waren, die ihm schließlich geholfen haben, mit dem Unfall zu leben, ist spannend zu lesen, berührt und regt zum Nachdenken an.


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Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Mein halbes Leben von Darin Strauss

Taschenbuch:
224 Seiten

Verlag:
Berlin Verlag Taschenbuch (20. August 2011)

ISBN-10:
3833307544

ISBN-13:
978-3833307546

Originaltitel: Half a Life


 
 
Michaela Hanel