Michaela Hanel
Psychologin & Autorin
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MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beschreibt psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.

Die Psychologie der Heimat

Von Landsleuten, Loslassen und “Lalla França”

Die Welt ist globalisiert und vernetzt, übers Internet kann man sich überallhin verbinden – und viele Menschen leben fern ihrer Herkunftsorte. Pflegekräfte, Soldatinnen, Migranten, Au-pairs, Geflüchtete. Was ist Heimat aus psychologischer Sicht? Und was passiert, wenn sie abhandenkommt? Tahar Ben Jelloun beschreibt das in einem klugen Roman: Heimat als Ort, als Gefühl – und als Utopie.

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Als Mohammed sein Dorf in Marokko verlässt, ist das Vorhaben klar. Er wird nach Frankreich gehen, um bei Renault zu arbeiten, gutes Geld verdienen, seine Kinder großziehen – und irgendwann zurückkehren. Mit seiner Familie. In die Heimat. Für immer in Paris zu bleiben, ist für den Protagonisten aus Zurückkehren von Tahar Ben Jelloun nicht denkbar. Und das unabhängig davon, was „Lalla França“ ihm zu bieten hätte:

 
Die Heimaterde hinterlässt immer einen bitteren Nachgeschmack im Mund. Mohammeds Erde war trocken, nackt, ohne alles, und dieses Nichts hatte ihn bis auf französischen Boden verfolgt. Dieses Nichts zählte. Er hatte keine Wahl und konnte es nicht gegen ein anderes, vielleicht bunteres, wohlhabenderes Nichts austauschen. Er gab sich geduldig und resignierte damit zufrieden.
— S. 68
 

In der globalisierten Welt hat die „Wahlheimat“ an Bedeutung gewonnen: Der Herkunftsort hat uns geprägt, die Heimat aber ist für viele dort, wo sie sich aufgehoben fühlen. Wo die Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Wertschätzung und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung erfüllt werden, wo die Familie, die Freunde, die Arbeit sind. Aus psychologischer Sicht ist Heimat vor allem ein Gefühl. Doch was macht es mit uns, wenn wir es verlieren?

Was, wenn die Heimat abhandenkommt?
Mohammeds Heimat ist nicht zerstört, als er sie verlässt. Er glaubt, irgendwann zurückkehren zu können. Das tröstet ihn, als er Paris erreicht. Durch das Miterleben seiner Gedanken bei der Ankunft schenkt Ben Jelloun der Leserschaft aus unserer Kultur einen fremden Blick auf die eigene Heimat:

 
Graue, fast schwarze Mauern, verschlossene Mienen, eine dichte Menge, die schnell ging und kein Wort sagte (…). Farbige Menschen fegten die Straßen und die Metrogänge. Es gab reiche Leute und andere, die offenbar weniger reich waren, doch alle fuhren in fast neuen Autos herum. Große Anzeigetafeln zeigten kaum bekleidete Frauen.
— S. 85
 

Mohammed gehört nicht zu den Übereifrigen, was den Willen zur Integration betrifft. Aber er weiß auch, wie schwierig sie wäre. In dem Gebäude, in dem er sich Wohnen leisten kann, leben keine Franzosen mehr. Seine Kinder haben in der Schule nicht die gleichen Chancen wie die einheimischen. Und sie werden fälschlicherweise der Brandstiftung verdächtigt. Dennoch wird Frankreich ihre Heimat – was es für Mohammed nie wird. Mit steigender Sorge sieht er, wie das Land Besitz von seinen Kindern ergreift, sie „frisst“ und ihm entfremdet.

Halt findet Mohammed im Koran, der für ihn „alles“ ist: „seine Identität, sein Pass, sein Stolz, sein Geheimnis.“ Seine Strategie gegen dunkle Gedanken ist es zudem, sich in die Arbeit zu stürzen. Sie gibt ihm Struktur und einen Sinn. Die nahende Rente – „Verrente“, wie Mohammed sie nennt, stellt daher eine Bedrohung dar. Der Ausblick auf viel Zeit zum Nachdenken macht ihm Angst. Seine Fremdheit würde deutlich werden, das Heimweh vermutlich größer.

 

Ist Heimweh eine Krankheit?


Heimweh kommt in allen Kulturen und allen Altersgruppen vor. Häufig begleitet von Schlaflosigkeit, Ängsten und sozialem Rückzug. Eine Studie nach dem Mauerfall ergab, dass Menschen, die auf die andere Seite gingen - egal, ob von Ost nach West oder von West nach Ost - höhere Werte für Depressivität und Angst aufwiesen. Dies legte sich jedoch, wenn sie Freunde fanden. Wie Ausgegrenztwerden auf die Psyche und sogar den Körper wirkt, ist mittlerweile bekannt. Wer Wurzeln schlägt, sich sicher, integriert und angenommen fühlt, erleidet seltener Herzinfarkte, Schlaganfälle und hat weniger Schmerzen.

Nachdem viele Schweizer Soldaten fernab der Heimat kraftlos wurden, Fieber bekamen, zum Teil verstarben, wurde Heimweh 1688 vom Baseler Mediziner Johannes Hofer als Krankheit anerkannt. Er nannte sie „Nostalgia“. Heute würde man sie (falls sie bestimmte Kriterien erfüllt) als „Anpassungsstörung“ bezeichnen. Die Anpassung an eine neue Situation misslingt. Wenn das Gefühl des Fremdseins zu permanenter Anspannung führt, kann das psychosomatische Erkrankungen nach sich ziehen. Und damit körperlich krank machen. Wie gelingt es also, heimisch zu werden?

Wie wird ein Ort zur Heimat?
Zwei Bücher behandeln dieses Thema. Das der Psychologin Beate Mitzscherlich und das der Autorin Melody Warnick. Beide sehen „Beheimatung“ als ständigen aktiven Prozess. Im Kern geht es darum, eine Verbindung zur Umwelt aufzubauen. Sie mit Sinn und positiven Erinnerungen zu füllen. Die Psychologie hat belegt, dass Handlungen Gefühle nach sich ziehen. Und so beschreibt Warnick in ihrem Buch zehn Aktivitäten, die uns einen Ort emotional näherbringen können. Beispielsweise aktiv auf die neuen Nachbarn zuzugehen.

Im Gegensatz zu seinen Kindern, lässt Mohammed sich nie auf diesen Prozess ein. Er vermisst Marokko und fasst einen Plan. Als er berentet wird, will er zurück in die alte Heimat und dort ein Haus für seine Familie bauen. Seine Frau und die Kinder darin versammeln. Doch als er ankommt, hat das Land sich verändert. Das Marokko seiner Erinnerung existiert nicht mehr. Seine Kinder haben ihre Liebe in Frankreich gefunden, sind auch dem Pass nach Franzosen geworden – und wollen in Paris bleiben.

 
Sie haben das moderne Leben entdeckt und mögen es; wenn du sie mit ins Dorf schleppst, finden sie es rückständig (…). Zu Anfang geht es noch, aber dann langweilen sie sich. Sie benehmen sich wie Touristen, Touristen im eigenen Land, aber Touristen, die nicht einmal neugierig sind.
— S. 27
 

Sie sind verlegen und können nicht nachvollziehen, warum ihr Vater dieses karge Dorf liebt. Er wartet auf sie, doch sie kommen nicht. Und Mohammed hat alles verloren.

Tahar Ben Jelloun sagt, er wolle mit seinen Büchern die Europäer für die Schwierigkeiten der Einwanderer sensibiliseren. Ich finde, das gelingt mit Zurückkehren eindrücklich. Es setzt die Lesenden in eine fremde Perspektive, weitet den Horizont und schafft Respekt vor denen, die ihre Heimat verlassen (müssen). Selbst wenn an diesen Orten aus fremder Sicht nichts mehr ist: Dieses Nichts zählt.


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Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Zurückkehren von Tahar Ben Jelloun

Taschenbuch:
242 Seiten

Verlag:
Berlin Verlag Taschenbuch (21. Mai 2011)

ISBN-10: 9783833307393

ISBN-13: 978-3833307393

Originaltitel:
Au pays


 
 
Michaela Hanel