Michaela Hanel
Psychologin
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MINDSHELF — Über diesen Blog

Psychologie trifft Literatur: Mindshelf.de beleuchtet psychologische Phänomene anhand von Romanen und ihren Figuren.
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Warum wir im Beisein Anderer seltener helfend eingreifen

Von Zeugenschaft und Zivilcourage

Als Kitty Genovese in New York auf offener Straße niedergestochen und über eine halbe Stunde lang malträtiert wurde, gab es 38 Zeugen. Keiner sprang ihr bei, die 28-Jährige starb. Studien zeigen: Die Chance, dass eine Person einer fremden hilft, nimmt ab, je mehr Zeugen es gibt.

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Wie die meisten Menschen fühle ich mich sicher, wenn öffentliche Orte belebt sind. Intuitiv geht man wohl davon aus, je mehr potentielle Helfer es gibt, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwer einem beistehen würde, sollte es nötig sein. Leider sieht die Realität immer wieder anders aus: Als Dominik Brunner 2009 auf einem Münchner S-Bahnhof am helllichten Tag von zwei Teenagern verprügelt wurde und anschließend verstarb, war der Bahnsteig voller Leute. Keiner schritt ein. Nur von der gegenüberliegenden Plattform, aus dem sicheren Abstand zweier trennender Gleisbetts, riefen manche den Tätern "Aufhören!" zu.

Als im gleichen Jahr in Richmond (USA) eine 15-Jährige auf offener Straße überfallen und missbraucht wurde, gab es 20 Zeugen. Keiner griff ein, manche machten stattdessen Handyfotos. Der juristische Kampf von Cheryl Araujo, die 1983 in einer Bar in Massachusetts (USA) vergewaltigt wurde, ohne dass andere Gäste einschritten, wurde unter dem Titel Angeklagt mit Jodie Foster verfilmt (USA 1988, R.: Jonathan Kaplan).

Die Ermordung von Kitty Genovese
Der wahrscheinlich bekannteste Fall ist der von Kitty Genovese. Er liegt über 50 Jahre zurück, beschäftigt manche aber noch immer: Erst 2011 erschienen zwei neue Romane auf deutsch, denen er als Vorlage diente. Während Ryan David Jahn in Ein Akt der Gewalt (Heyne Hardcore, 2011) einen Thriller entwirft, in dem seine fiktiven Zeugen gute Gründe fürs Wegschauen oder Nicht-Wahrnehmen haben, versucht Didier Decoin in Der Tod der Kitty Genovese (Arche, 2011) den wahren Hergang zu rekonstruieren: Wie konnte der Täter über eine halbe Stunde lang sein Opfer auf offener Straße überfallen, niederstechen, sein Auto umparken, zurückkommen, das Opfer suchen, wiederfinden, vergewaltigen und ermorden, während es immer wieder um Hilfe schrie? Und wer waren die Leute, die zugesehen oder zugehört haben?

 
Wir haben den erwischt, der das Messer in der Hand hielt, ja. (...) Aber anscheinend ist er nicht allein für ihren Tod verantwortlich.”
”Hatte er einen Komplizen?”
”Nicht einen”, entgegnete Murphy, “achtunddreißig.
— S. 33
 

Wer sind diese Menschen?
Nicht mal die Namen verändert Didier Decoin, es sind die aus den Polizeiprotokollen. Anwohner, die von Hilferufen erwacht sind, das Licht angeschaltet und beobachtet haben, was weiter passierte. Wie z.B. eine Frau, die bis zum Schluss mit ihrem Mann vom Fenster aus zusah. Zwar habe ihr Mann die Polizei rufen wollen, sie aber habe ihm untersagt, "sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts angingen." Eine andere: Es sei zu kalt gewesen, um einen Fuß vor die Tür zu setzen. Ein Mann drehte das Radio auf, um die Schreie nicht mehr hören zu müssen, einer rief dem Mörder zu, er solle die Frau in Ruhe lassen - und legte sich wieder schlafen. 

Auch ein Lieferant war Zeuge. Ein Fahrstuhlführer. Ein anderer Nachbar aus dem Wohnhaus der Toten, in dessen Flur sie schließlich starb. Er sah das Treppenhaus hinunter, in dem gerade ein Mord passierte, ging zurück in die Wohnung, verriegelte sie, rief seine Partnerin an, plauderte kurz und fragte sie, was er tun solle, bekam den Ratschlag, sich rauszuhalten. Auch er rief daraufhin nicht die Polizei, aber immerhin eine Nachbarin an. Eine junge Mutter Anfang dreißig, die den Notruf abesetzte und es nicht dabei beließ: 

 
Obwohl sie klein, zierlich und schmal war und vor allem, obwohl sie nicht wusste, ob der Typ mit seinem Messer in der Hand noch da war, stürzte Sophie Farrar sofort aus ihrer Wohnung und eilte Kitty zu Hilfe.
— S. 121
 

Psychologische Experimente
Ein Polizeiwagen kam, der Mörder war weg - doch leider war es zu spät.
Psychologen haben aus diesem Fall das Genovese-Syndrom, oder auch Bystander-Effekt, abgeleitet. Ein sozialer Effekt/Defekt, der bei Unfällen oder kriminellen Handlungen auftritt und heute gut erforscht ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass einem bei einem Notfall geholfen wird, nimmt mit der Zahl der umstehenden Personen ab. Je mehr potentielle Helfer es gibt, desto kleiner ist die Bereitschaft der Einzelnen, einzugreifen. Experimente zeigen: Wenn sie der oder die einzige Anwesende sind, helfen ca. 85% der Menschen. Bei einer weiteren anwesenden Person sind es nur noch etwa 62%. Bei vier Umstehenden rund 31%, die etwas unternehmen - und so weiter und so fort.

 

War da was? Und wenn ja, warum ich ...?


Forscher der New York University und der Columbia University untersuchten zudem die Gründe fürs Nicht-Eingreifen. Hauptursachen sind demnach die Pluralistische Ignoranz und die Verantwortungsdiffusion. Ersteres meint, dass man sich in Ausnahmesituationen, in denen unklar ist, wie man sich verhalten soll, an den Umstehenden orientiert. Wenn die nichts tun, gibt es offensichtlich keinen Grund, einzuschreiten. Ein Notfall wird also seltener als solcher erkannt, je mehr Leute untätig sind. Wird er dennoch als Notfall wahrgenommen, kommt die Hürde der Verantwortungsdiffusion: Warum sollte ausgerechnet ich eingreifen, wenn andere stärker/näher dran/sicherlich besser geeignet dafür wären? Aus diesem Grund empfehlen Experten denjenigen, die Hilfe suchen, einzelne Personen direkt anzusprechen - sodass die Betreffenden sich gemeint fühlen müssen.

 
Mosley [der Mörder] überlegte sich, dass er kein Risiko einging, wenn er zurückkehrte, um sein Opfer niederzumetzeln, vielleicht sogar überhaupt keines. Wenn jemand der Frau zu Hilfe hätte eilen wollen, wäre das längst geschehen.
— S. 104
 

Dann wird's wohl nicht so tragisch sein ...
Anlass für mich, diesen Artikel zu schreiben, war ein Erlebnis in einer kürzlich stattgefundenen Teamsitzung von etwa acht oder zehn Ärztinnen und PsychologInnen. Im Haus war wenig los, das Treppenhaus still. Dann schepperte und polterte etwas, vielleicht auf den Stufen, es hätte jemand gestürzt sein können (... ein Herzinfarkt? Ein Schlaganfall?). Wir sahen uns an, alle hatten wir den Krach gehört, aber niemand schien allzu beunruhigt. Und so kam auch mir dieser Truggedanke: Dann wird's wohl nicht so tragisch sein. (Und wenn ja: wäre das nicht ein Fall für die Ärzte...?) Die Teamsitzung ging daraufhin weiter, nur K., eine Ärztin, stand auf.

Sie saß nicht am nächsten an der Tür, im Gegenteil, sie ging quer durch den Raum, um nachzusehen, was los war. Was sie dann sah, war tatsächlich harmlos, die Reinigungskraft hatte irgendwas umgekippt, die Eimer oder den Putzwagen, sowas. Genauer kann ich es nicht sagen, ich war ja nicht die, die nachgeschaut hat. Es war beruhigend, dass nichts Schlimmes passiert ist, aber es blieb ein Gedanke zurück: Ein Raum voller Menschen in "Helferberufen" - damn, das hätte man sich anders vorgestellt.  

Entscheidungshilfe
Damit es möglichst besser läuft, haben zwei Wissenschaftler ein Modell entwickelt. Schritt 1 wäre demnach, die Situation überhaupt wahrzunehmen und sie (Schritt 2) als Notfall einzuschätzen. Auch daran hat es im Mordfall Kitty Genovese gehakt, über den Zeugen später z.B. aussagten, es habe sich angehört wie ein "streitendes Paar" - oder "eine Horde Katzen". Hat man gecheckt, dass es ernst ist, käme Schritt 3 und Voraussetzung 4: Verantwortungsübernahme, anstatt "Jemand anderes wird schon was tun", und das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten zum Helfen. Zu guter Letzt wäre da noch das Helfen selber, dem angeblich oft im Wege steht, dass viele Leute Angst haben, auf den Präsentierteller zu treten und sich zu "blamieren". 

Zudem würden Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit eingreifen, wenn sie vom Genovese-Syndrom oder Bystander-Effekt schon mal gehört haben. Und wenn das Helfen Teil ihres Selbstkonzepts ist. So helfen z.B. Rettungssanitäter oder Feuerwehrleute auch außerhalb ihrer Dienste statistisch häufiger als andere Personengruppen - auch dann, wenn die geforderte Tätigkeit nichts mit ihren Berufen oder beruflichen Kompetenzen zu tun hat. Demnach spielen also sowohl allgemeine sozialpsychologische Faktoren als auch individuelle Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle bei der Frage, ob jemand eingreift oder nicht.

Bist du dir denn sicher, dass du etwas unternommen hättest, Nathan?
Dass in Fällen wie dem von Kitty Genovese nur eine der 38 Zeugen tätig wurde und fast alle, die davon hören, geschockt darüber sind (und vermutlich denken, sie hätten sich anders verhalten), könnte einen an Letzterem zweifeln lassen. Im Fall von Didier Decoins Roman übernimmt diese Rolle Guila, die Frau des Erzählers, der sagt:      

 
Es tat uns furchtbar Leid, dass wir nicht da waren, um ihr zu helfen (...). Und das ist es, was wir ihr gern gesagt hätten. Damit sie uns nicht mit den anderen verwechselt.
Obwohl, wie Guila manchmal sagt, um mich zu foppen: “Bist du dir denn sicher, dass du etwas unternommen hättest, Nathan?”
— S. 153
 

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Die zitierten Passagen stammen aus dem Roman
Der Tod der Kitty Genovese von Didier Decoin

Gebundene Ausgabe:
160 Seiten

Verlag:
Arche Verlag (2011)

ISBN-10:
3716026603

ISBN-13:
978-3716026601

Originaltitel:
Est-ce ainsi que les femmes meurent?


 
 
Michaela Hanel